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von Inka Grabowsky, 27.07.2015

Zurück in die Vergangenheit

Zurück in die Vergangenheit
Der Oldtimerbus wartet auf den Oldtimer-Zug in Rorschach. | © Inka Grabowsky

Seit Juni gibt es eine neue Attraktion in der Ostschweiz. Im Rahmen der „Textilland Classic Tour“ bringt ein 65-jähriges Postauto Touristen vom Textil-Museum St. Gallen zum Saurer-Museum Arbon.

Inka Grabowsky

„Die Tour trifft auf sehr gute Resonanz“, sagt Caroline Grob, die Leiterin Erlebnismanagement St. Gallen. „Meist melden sich 20 bis 30 Personen an. Gerade die Fahrt mit dem Saurer-Oldtimerbus sorgt jedes Mal für Begeisterung.“

Chauffeur Peter Hungerbühler kennt das Gefährt in- und auswendig. Der bald Siebzigjährige hat beim Maschinenbauer Saurer gelernt und später bei der Post mit den Bussen gearbeitet. Das charakteristische Posthorn auszulösen bereitet ihm offenkundig grosses Vergnügen. Dabei wäre das akustische Signal gar nicht nötig, um Aufmerksamkeit zu erregen: Wo immer das Fahrzeug aus dem Jahr 1950 auftaucht, lächeln die Menschen.

Der eine 65, der andere 69 jahre alt. (Fotos: Inka Grabowsky)


Die gute Laune wirkt ansteckend auf die Insassen, auch wenn (oder gerade weil) die Klimaanlage hier aus einen offenen Cabrio-Dach besteht, Kopfstütze oder Gurte fehlen und die Höchstgeschwindigkeit von 74 km/h nie erreicht wird.

Mit Bus und Schiff zurück in die Vergangenheit

St. Gallen-Bodensee Tourismus, Thurgau Tourismus und der Verein „Textilland Ostschweiz“ haben gemeinsam die Idee entwickelt. Neben den Bustransfers beinhaltet die Tour den Eintritt ins Textilmuseum St. Gallen, ins Saurer-Museum Arbon und die Schifffahrt von Arbon nach Rorschach. Dort im Forum Würth verschnauft man im Café oder der Kunstausstellung, bevor der Bus zurück nach St. Gallen geht.


Die Tour-Begleiterin Linda Siering sorgt dafür, dass niemand den Anschluss verpasst. Pro Museum hat man 30 bis 40 Minuten, dann treibt sie ihre Schäfchen freundlich zusammen. Wie es sich für ein Schweizer Aushängeschild gehört, ist bei der Tour alles pünktlich bis auf die Minute.

Im Textilmuseum liest man sich selbst Grundlagen-Wissen zum Textilland an. Der Bogen reicht von den Anfängen des Leinenhandels im Mittelalter über die Blüte der Textilindustrie im 18. und 19. Jahrhundert bis zum „Gesundschrumpfen“ der Branche vor einigen Jahrzehnten.


Schon an dieser Station begreift man, dass es einzelne Erfinder waren, die ein traditionelles Handwerk wie die Appenzeller Weissstickerei zu einem umfassenden Industriezweig weiterentwickelt haben. Ihr Erfindergeist, gepaart mit dem Fleiss der Bevölkerung, begründete den Ruhm der St. Galler Stoffherstellung und -Veredlung.

Peter Hungerbühler in seinem Element.

Familientradition im Saurer-Museum

Der Eindruck verstärkt sich noch bei der anschliessenden Führung im Saurer-Museum. Guide Hans Stacher hat hier im Betrieb gearbeitet, genau wie sein Vater und sein Grossvater vor ihm. Die Begeisterung für die alten Maschinen ist ihm anzumerken. „Mitte des 19. Jahrhunderts machte sich Franz Saurer als Giesser und Maschinenbauer selbständig. Er und seine Familie entwickelten nicht nur Stick- und Webmaschinen, sondern eben auch Motoren und schliesslich ganze Fahrzeuge.“ Dementsprechend kommen im Saurer-Museum heute nicht nur Industrie-Historiker, sondern auch Fans von alten Lastwagen auf ihre Kosten.

Hans Stacher erklärt die Saurer-Stickmaschinen. 

Faszinierend für Einheimische und Gäste

Neben den Einheimischen wollen die Veranstalter der „Textilland Classic Tour“ vor allen die Touristen ansprechen. Die Feriengäste können nicht nur das reiche kulturelle Erbe der Ostschweiz bewundern, sondern auch verstehen, wie der Reichtum zustande gekommen ist. „Was mich beeindruckt, ist der Umgang der Menschen mit den unterschiedlichen Krisen“, sagt der pensionierte Wirtschaftsprofessor aus Kiel, der mit seiner Frau am Ausflug teilnimmt.


„Als sich die äusseren Umstände änderten – sei es durch Schutzzölle oder durch den Krieg, haben die Fabrikanten auf andere Produkte umgestellt und sich so immer weiter entwickelt. Das ist bewundernswert.“ Einen anderen Blick auf die Industriegeschichte hat Paul Walt aus Altstätten. Er arbeitet selbst seit bald vierzig Jahren in der Stickerei-Branche. „Ohne die Pioniere von damals gäbe es heute unsere moderne Stickerei nicht“, sagt er. „Ich finde es wichtig und faszinierend, die Vergangenheit des eigenen Berufs zu kennen.“

 

Die Textilland Classic Tour findet die nächsten Male am 1., 9., 14. und 27 August statt. Anmeldung unter www.st. gallen-bodensee.ch 
Tel. 071 227 37 37 (info@st.gallen-bodensee.ch)

Einführungspreis 49 Franken pro Erwachsenem, später 69 Franken.

 

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