von Andrin Uetz, 04.04.2025
Das Parkhaus als Zwischenzone

Das Ostschweizer Kollektiv GAFFA spielt in der Kunsthalle Arbon mit Materialität und Dimensionen. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)
Die Tür zum rostroten Industriegebäude an der Grabenstrasse unweit des Seepark Arbon ist nur einen Spalt weit geöffnet. Von Neugierde gepackt kommt es nicht selten vor, dass Passant:innen einen Blick in den Raum werfen oder gar ein zwei Schritte hineingehen. Drinnen begrüsst uns die Front eines weissen Mercedes 450 SEL 6.9, der aussieht als wäre er aus einem Bastelbogen gefaltet und sich wie eine Stretch-Limousine durch die gesamte Halle erstreckt.
Daneben steht eine ebenso überdimensionierte Pylone, welche aber nicht aus Kunststoff sondern aus reflektierendem Stoff für Schutzkleidung gefertigt ist und bis knapp unter die Dachfenster der Halle reicht. Etwas weiter hinten liegt auf dem Boden ein weisser Teppich, der sich bei näherer Betrachtung als Parkticket mit ausgestanzten Löchern entpuppt.
Gegenüber an der Wand ein gelbes Gemälde mit Pfeilen, welche in beide Richtungen zeigen. Wo sind wir hier gelandet?

Inspirationsquelle Parkgarage
Unter dem Titel «Level Up» verwandelt das Ostschweizer Kollektiv GAFFA die Kunsthalle Arbon in eine surreale Parkgarage. Dario Forlin (*1992 in Teufen), Wanja Harb (*1992 in St. Gallen), Linus Lutz (*1994 in St. Gallen) und Lucian Kunz (*1996 in Steinach) bringen seit 2016 das Fanzine GAFFA heraus, welches sie als Basis für installative Arbeiten, Modekreationen und andere Projekte sehen.
Kennengelernt haben sich die vier Neffen des auf Teneriffa lebenden Verlegers Freddy Gaffa im Musikclub Palace in St. Gallen, wo sie unter anderem an der Bar arbeiteten. «Bei installativen Arbeiten versuchen wir etwas von der Fotoshop-Ästhetik des Magazins in den Raum zu bringen», erklärt der Künstler und gelernte Hochbauzeichner Linus Lutz.
Besonders anschaulich ist das bei der Mercedes-Skulptur. Das in die Länge-Ziehen von Objekten ist ein typischer Gaffa-Move, woraus eine unmittelbare Komik entsteht. Gleichzeitig wirkt die mit Karton und Holzlatten gefertigte Skulptur wie eine Vergrösserung eines Papier-Modellbaus. Es wäre durchaus denkbar, dass es für eine miniature Version davon in einem der Zines einen Bastelbogen geben könnte.

Spiel mit Dimensionen und Materialitäten
Die humoristische Irritation entsteht auch durch die Wahl der Materialien. Der Teppich wurde von einer Firma im Kanton Luzern produziert und imitiert mit haptischen Qualitäten die Struktur von Papier, welches in der entsprechenden Vergrösserung an ähnlicher Zweidimensionalität gewinnen würde.
Den reflektierenden Stoff für die Pylone hat Dario Forlin mit Hilfe seiner Mutter, der gelernten Schneiderin Sibylle Badertscher, zusammengenäht. «Den organgen Stoff und das reflektierende Material der Leuchtstreifen kennen wir alle von den Sicherheitswesten, welche nach Gesetz in jedem Auto vorhanden sein müssen», erklärt Forlin. Gerade weil das Thema Auto gesellschaftlich und politisch sehr aufgeladen ist und es auch kunsthistorisch sehr viele Referenzpunkte gäbe, wirkt der spielerische Zugang des Kollektivs umso erfrischender.
«Natürlich könnte die Arbeit als eine Kritik an der Konsumgesellschaft gelesen werden, das schliessen wir nicht aus. Aber uns war vor allem wichtig, etwas zu machen, was uns Spass macht und die Ästhetik des Zines in den dreidimensionalen Raum überträgt», erklärt Wanja Harb. Das Parkhaus wird bei GAFFA zu einer Übergangszone zwischen Spätkapitalismus und Popkultur.


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