von János Stefan Buchwardt, 15.07.2011
Der Hype ums See-Burgtheater

Das alljährliche Medienkarussell dreht sich seit geraumer Zeit. – «Der Zerrissene», eine Posse mit Gesang aus dem abgründigen Biedermeier. Fazit: Auf künstlerisch bedachtsame Weise erfüllt sich, was hiesige Journalistinnen und Journalisten an Erwartungshaltung aufgebaut haben. Erneut zeigt ein zuverlässiges See-Burgtheater-Team eine Komödie von Johann Nestroy, die es dem Regisseur Leopold Huber geradezu vorschreibt, Handgriffe in die Trickkiste zeit- und gesellschaftskritischer Bissigkeiten vorzunehmen.
Gezielt auf die wärmste der vier Jahreszeiten hin sorgt ein Mann mit Strohhut dafür, dass das Bedarfsgut Freilichttheater – jahraus, jahrein – eine verdiente, im besten Fall sogar gesteigerte Aufmerksamkeit erfährt. Es macht den Anschein, als ranke sich ein Hype um die Welt des Kreuzlinger See-Burgtheaters. Und der Begriff darf für einmal nicht als Kritik-Vokabel verstanden werden. Schon vor vielen Jahren, nämlich 1994, stand mit «Talisman», in jenen Tagen noch auf Schloss Girsberg gezeigt, ein erstes geistreiches Nestroystück auf dem Spielplan der Theatertruppe. Der Premierenabend 2011 legt die Vermutung nahe, man könne 17 Sommerperioden später die einstigen Besucherzahlen – 2500 Zuschauer sahen 16 Aufführungen – gut und gerne überrunden.
Satire-Potenzial abgeklopft
Vordergründig betrachtet hat sich der aktuelle Bühnenstoff der Volksbelustigung im besten Sinne verschrieben. Aber Huber wäre nicht Huber, würde er den Satirewillen Nestroys nicht gründlich auf sein selbstverständliches kritisches Potenzial hin abklopfen. Und Nestroy nicht Nestroy, würde er nicht erlesen-scharfsinniges und nach wie vor taufrisches Sprachmaterial liefern, um die komische Paarung zwischen Witz und Bockbeinigkeit auf der einen und moralistischen Verweisen auf der anderen Seite zu begünstigen. Neben aller Erheiterung im Seeburgpark tritt deutlich hervor, dass der populärste Vertreter des Wiener Volkstheaters im 19. Jahrhundert zwar kein explizit politischer Autor, aber doch ein virtuoser gesellschaftspolitischer Bühnen-Wortführer ist.
Heilungsprozess durch Liebe
Trotzdem und mit Verlaub, die Frage scheint berechtigt, inwieweit sich die steile, vor Wind und Wetter geschützte Zuschauertribüne über scharfen Humor in Form von schillernden Scherzen und tagespolitischen Anspielungen, über Slapsticks und spitzzüngige Couplets (aktualisierte Strophen: Manfred Koch) in Tat und Wahrheit zu einem schicklicheren Dasein ermahnen lässt. Zeuge dessen zu werden, wie ein gelangweilter und grossspuriger Reicher durch die Erfahrung echter Zuneigung und menschlicher Güte von seiner inneren Zerrissenheit geheilt wird, hinterlässt aber ein zumindest aussenseitig anhaltendes Behagen.
In der freudigen Verbindung zwischen dem Kapitalisten von Lips und seiner Anverwandten Kathi – sie stehen für Exzentrik und Grundehrlichkeit – erfährt die Posse aus dem Jahr 1844 ihr vom Glück begünstigtes Ende: Liebe als Heilmittel gegen inkorrekte Lebensweisen. Nach Schicksalsschlägen also die Eingliederung in disziplinierte Verhältnisse. Und trotzdem war es Johann Nepomuk Nestroy (1801 bis 1862) keineswegs fremd, die angestrebte Besserung der Menschen als illusorisch blosszustellen. Wenn das Bittere der gesellschaftskritischen Passagen in Hubers Inszenierung trotz Happy End inwendig nicht abklingen will, dann ist genau darin eine Qualität seiner szenischen Überzeugungsleistung auszumachen.
Hervorragend aufbereitet
Konkret verhilft eine vitale Crew aus achtköpfigem Hauptpersonal – darunter langjährig bekannte Gesichter – und siebenköpfigem Nebenpersonal dazu, reihenweise unleugbare Wirklichkeitsbezüge herzustellen. Das überzeugend reduzierte Bühnenbild (Bühne/Kostüme: Klaus Hellenstein) aus monumentalen Goldbarren, das von einer ländlichen Strohlballenwelt abgelöst wird, tut ein Übriges, um Nestroy nicht unnötig mit Modischem zu behängen. Mit gelingendem Einsatz versucht sich das Schauspielkorps an den köstlichen Charakteren dieses gleichermassen possenhaften wie mundfertigen Ringelreitens des Zufalls und der Wesensarten. Wie üblich werden die Stimmen verstärkt; schade, sind sie manchmal spontan nicht zu orten, die von Volker Zöbelin komponierten Musikeinheiten in diesem Jahr nur eingespielt.
Der direkte Blick auf die Besetzung hinterlässt dennoch rundum positive Gefühle: Florian Steiner, ein mit feiner Dekadenz ausgestatteter und vermeintlich als Mörder gesuchter Protagonist, den das Leben zwingt, sich neu zu erschaffen. Astrid Keller eine exzellent unverfrorene Madame Schleyer, die mit Lips heuchlerischen Freunden Sporner (Bastian Stoltzenburg) und Wixer (Simon Engeli) die fatale Überschätzung des Wertes materieller Güter teilt. Katharina Schenk, ausgewogen in der Rolle der loyalen Frauenfigur Kathi; ein erwartet souveräner Erich Hufschmid, der die Einfältigkeit des Schlossers Gluthammer pfundig umzusetzen weiss. Werner Biermeier als herrlich aufgewühlter Krautkopf, Pächter auf einem Hof des Herrn von Lips und schliesslich Ulrich Fausten als gekonnt verschrobener Juristitiarius Staubmann.

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