von Roland Schäfli, 07.10.2026
Der Thurgauer: Finden Sie die 10 Unterschiede!

Ja, es gibt ihn, den feinen Unterschied zwischen dem Thurgauer Kulturschaffen und dem ganzen Rest. Doch es fehlte eine ethnologische Bestimmungshilfe, wie das Wirken unterschieden werden kann – bis heute. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)
Die Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befasst sich mit der Wahrnehmung von Unterschieden. Grund genug für Thurgau.Kultur, einmal zu auseinanderzudiffidieren: wie erkennt man den Thurgauer Künstler, den Thurgauer Kunstfreund und auch den hiesigen Kunstkritiker? Diese Kulturredaktion hat nach eingehender ethnologischer Feldforschung folgenden Bestimmungsschlüssel mit 10 Unterschieden geschaffen.
Wenn ein Thurgauer und ein Zürcher Künstler schwarz gekleidet vor einer schwarzen Installation stehen, dann sind sie selbst von Experten kaum auseinanderzuhalten. Achten Sie auf diese untrüglichen Bestimmungsmerkmale:
1. Die Sprache: der Zürcher Künstler sagt «Performance», der Thurgauer «Vorführung».
2. Der Raum: der Zürcher schafft einen «Diskursraum», der Thurgauer fragt, ob man dort sitzen kann.
3. Der Werkstoff: der Zürcher Künstler lässt für seine Auseinandersetzung mit dem postindustriellem Transformationsprozess rostiges Rohmaterial aus Berlin kommen. Der Thurgauer weiss noch, von welcher Maschine der Altmetallsammlung es stammt.
4. Der Ausstellungsort: der Verkaufsagent des Zürchers bevorzugt ein ehemaliges Industrieareal, das zur unbezahlbaren Wohnzone umgestaltet wurde. Der Thurgauer weiss einen Obstbauern, der in seiner Mosterei eine Galerie betreibt.
5. Preisbildung: Der Zürcher Künstler bemisst sein Werk nach dem Grad seiner Unverständlichkeit. Der Thurgauer danach, was ihn das Rohmaterial gekostet hat.
Es sind nicht allein die feinen Unterschiede unter den Künstlern – auch die Kunstsammler und -kritiker sind kantonal anders:
6. Die Provenienz: Der Basler Kunstsammler verlangt ein Echtheitszertifikat. Der Thurgauer Käufer kennt den Künstler persönlich.
7. Der Mäzen: Der Thurgauer Kulturförderer gibt dem Künstler Geld. Der Berner schickt ihm zuerst das Antragsformular für ein staatliches Fördergremium.
8. Die Textilkunst: Der St. Galler Museumskurator erkennt darin 500 Jahre Textilgeschichte. Der Thurgauer Kurator fragt, ob man die Tischdecke auch benutzen kann.
9. Der Kunstkritiker: Der Genfer Kritiker benötigt 800 Wörter, um das œuvre d’une radicalité saisissante zu beschreiben. Der Thurgauer schreibt nur, es «sei noch speziell.»
10.Der Apéro: Der Waadtländer Kunstfreund diskutiert beim Chasselas über das Werk. Der Thurgauer beim Müller-Thurgau darüber, ob es hier eigentlich noch mehr Häppchen gebe.
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«Der Thurgaukler» ist eine satirische Kolumne über den Zustand unserer Gesellschaft – lokal verankert, aber allgemein verständlich. Die Kolumne ist eine humorvolle Bestandesaufnahme unserer Gegenwart: bissig, manchmal melancholisch, oft übertrieben, aber nie zufällig. Gelacht wird nicht über Menschen, sondern über Denkweisen, Ausreden und Zeitgeister.

Von Roland Schäfli
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