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von Maria Schorpp, 07.09.2026

Ein Leben zwischen Gedichten und Kulturpolitik

Ein Leben zwischen Gedichten und Kulturpolitik
Der Blick des Altmeisters Jochen Kelter, beissend und warm zugleich. | © Fraktura Verlag Zagreb

Jochen Kelter wird am 8. September 80 Jahre alt. Er war immer ein Grenzgänger – zwischen dem Thurgau und dem Rest der Welt, zwischen den literarischen Genres und nicht zuletzt zwischen den Daseinsformen Autor und Kulturfunktionär. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Nicht allein der Broterwerb kann für Kunst schaffende Menschen zum Problem werden. Manchmal fehlen auch ganz einfach die Strukturen, die Einrichtungen, die es braucht, um Kunst und Kultur zu ermöglichen und zu den Menschen zu bringen. Wenn diese Einrichtungen nun von den Kunstschaffenden selbst mit ins Leben gerufen werden, dann ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass sie ihre beabsichtigte Wirkung entfalten.

Jochen Kelter ist Lyriker, Essayist und Erzähler, stammt somit aus einem Metier, das traditionell den Ruf abgehobener Menschen hat(te), der aber mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Realität steht. Als er sich gemeinsam mit Mitstreitenden aufmachte, Ideen zu entwickeln, um das thurgauische Potenzial an künstlerischer Kreativität durch Förderung sichtbar zu machen, war das der Anfang einer erfolgreichen Pioniergeschichte. Die begann institutionell im Jahr 1991, dem Gründungsjahr der Kulturstiftung des Kantons Thurgau. Heute ist die mit Geldern aus dem Lotteriefonds finanzierte Einrichtung nicht mehr wegzudenken.

Den schreibenden Menschen Kelter gab es da schon längst. 1978 ist unter dem Titel „Zwischenbericht“ in einem kleinen Verlag in Zürich sein erster Gedichtband herausgekommen. Für manche ist die Lyrik die Königsdisziplin der Literatur. Jochen Kelter sieht das nüchterner, wie er in einem Interview mit dem Konstanzer Online-Magazin seemoz anlässlich seines 75. Geburtstags formuliert: „Der Unterschied zwischen einem Roman und Gedichten besteht vielleicht darin, dass man für einen Roman einen langen Atem braucht, es geht ja um eine Handlung, die in die Zeit ausgreift und viele Buchseiten, einfach viel Platz beansprucht.“

 

Jochen Kelter kurz vor seinem 80. Geburtstag in seinem Zuhause in Ermatingen. Bild: Maria Schorpp

Kelters Gedichte sind komprimierte Romane

Zsuzsanna Gahse, die Schriftstellerin-Kollegin, sieht ihren Weggefährten in dieser Hinsicht als Grenzgänger. In Kelters Gedichten seien komprimierte Romane oder Novellen zu entdecken. Im neuesten Werk „Grönlandsommer“ sei das noch deutlicher und berührender zu sehen. Als „Rundblick über die Gegenwart, unterschiedliche historische und persönliche Vergangenheiten, über Landschaften, Freundschaften und eigene Befindlichkeiten“ beschreibt sie die Lyrik des 2025 erschienenen Bandes. Womit sie möglicherweise auch das Gesamtwerk Jochen Kelters umreisst. Ähnlich tönt das bei Gallus Frei-Tomic, einem der späteren Nachfolger Kelters als Programmleiter des Bodmanhauses: „Mit einem hohen Anspruch an Schönheit, Klang und Präzision“ läsen sich Kelters Gedichte manchmal wie Kurzprosa.

Humbert Entress, von 1999 bis 2010 Präsident der Kulturstiftung des Kantons Thurgau, blickt auf eine lange Zeit der Zusammenarbeit mit Jochen Kelter zurück. Kennengelernt haben sich die beiden, als Kelter schon zusammen mit Beat Brechbühl die Frauenfelder Lyriktage programmierte, noch bevor Jochen Kelter Programmchef des Bodmanhauses wurde, dessen erster überhaupt. An der Metamorphose des historischen Gebäudes im ländlichen Bodman zum Literaturhaus Thurgau war Jochen Kelter massgeblich beteiligt. Die beiden anderen Literaturhäuser der Schweiz standen in Basel und Zürich.  „Würden die Einwohner und Gäste sich an seltsame, mitunter recht trinkfeste Leute wie AutorInnen gewöhnen?“, formulierte Kelter damals eine der Fragen, die sich die Initiator:innen stellten. Entress beschreibt Jochen Kelter als „wunderbar und spannend erzählenden Menschen mit einer unglaublich profunden humanistischen und kulturhistorischen Bildung“, aber auch als guten, aufmerksamen Zuhörer. 

 

Moderatorin Zsuzsanna Gahse und Jochen Kelter bei der Vorstellung des Bandes „Verwehtes Jahrhundert“ 2023 im Bodmanhaus. Bild: Bodmanhaus

Bärbeissiger Zyniker und genau beobachtender Lyriker

Kelters Internationalität kam dem Literaturhaus zugute. Insbesondere den starken Bezug zu den damaligen Balkanstaaten ist Entress noch in guter Erinnerung. „Er war selbst dort und hat Lesungen gehalten und Leute ermuntert, sich für die Stipendien des Literaturhauses zu bewerben. Er hatte viel Freude an seinen Kontakten und was sich daraus ergeben hat. Er war aber auch gut vernetzt in der Schweizer Literaturszene – wenn ich nur an seine Freundschaft mit dem Lyriker und Erzähler Klaus Merz denke." Entress beschreibt Jochen Kelter als Menschen mit rauer Schale und einem grossen, fürsorglichen Herzen, ab und zu ein bärbeissiger Zyniker, dann ein emphatischer und genau beobachtender Lyriker. 

Jochen Kelter war Zeit seines Lebens in der Welt zu Hause. Als Kind begleitete der in Köln Geborene seine Mutter nach England. Ihr Vater hatte sie zur Zeit des Nazi-Regimes dorthin geschickt, als sich herausstellte, dass die Familie jüdische Vorfahren hat. Der Kontakt nach England blieb auch in der Nachkriegszeit bestehen und hatte annähernd familiären Charakter. Nicht überraschend, dass auch Kelters Studium international war. Neben der Germanistik war die Romanistik sein Fach, das er in Köln begann und im französischen Aix-en-Provence fortsetzte. Letztendlich führte es ihn an die Universität Konstanz zum seinerzeit sehr renommierten Romanisten Robert Jauß.

Schweizweit einmalig: die Frauenfelder Lyriktage 

Immer wieder gelang es ihm, seine Neugierde auf das Andere, das Unbekannte sowohl in seine Literatur als auch in sein Wirken als Kultur-Ermöglicher einfliessen zu lassen. Die Frauenfelder Lyriktage waren noch so eine Gründung, an der Jochen Kelter 1991 massgeblich beteiligt war und gemeinsam mit Mit-Initiator Beat Brechbühl bis 2005 leitete. Schweizweit einmalig und entsprechend mit vielen bekannten Namen im Programm. „Das hing natürlich auch damit zusammen, dass die Frauenfelder Lyriktage die einzige Veranstaltung ihrer Art in der Schweiz waren“, wie Kelter thurgaukultur erklärte. Selbstverständlich mit Förderung der Kulturstiftung.

Als der Kanton später den internationalen Teil der Lyrikveranstaltung zurückfahren wollte und 2020 gar die gesamte Lyriktage einer neu aufgestellten Kulturförderung opferte, konnte, wer ihn noch nicht kannte, Jochen Kelters Widerstandsgeist kennenlernen. „Die Streichung der Lyriktage ist in einer Zeit, in der es seriöse Literatur und vorab Gedichte schwer haben, ein fatales Zeichen. Meine Meinung: Man hätte sich konsequent (aber durchaus mit Änderungen) auf die Ursprünge der Lyriktage zurückbesinnen sollen“, wie er sich auf thurgaukultur äusserte. Heute hört sich sein Kommentar milder, wenn auch etwas resigniert an: „Das hat sich eben mit den Jahren verändert. Aber okay.“

 

Aus Jochen Kelters «Tod der Literatur»: «Was die vorschnellen intellektuellen Aktivisten der 1968er-Jahre nicht geschafft haben, …, was der sozialistische Realismus nicht geschafft hat, …, das hat die alles überwältigende globale Ökonomie des Kapitalismus auch auf einem Nebenschauplatz erreicht. Kunst und Literatur in einen alle Qualität (samt ihren unterschiedlichen Kriterien) nivellierenden Marktplatz von Konsum, Entertainment, Konsens und scheinheiliger Selbstbestätigung zu verwandeln.» Bild: János Stefan Buchwardt

Doppelleben zwischen Autor und Kulturfunktionär

Der Einsatz Kelters für die Kulturförderung setzte sich in seinen Funktionärstätigkeiten als Generalsekretär der Gruppe Olten, einer bis 2002 bestehenden Vereinigung Schweizer Autor:innen, als Präsident des European Writers’ Congress und Präsident des Dachverbands der Schweizer Urheberverbände fort (eine Auswahl). Humbert Entress hat Kelters Beziehungen aus der Gruppe Olten und des PEN International in lebhafter Erinnerung.  Zu seinem Doppelleben als Kulturfunktionär und Autor (sowie Herausgeber diverser Literaturzeitschriften) sagt der Kulturpreisträger des Kantons Thurgau von 1987 heute: „Ich habe von dem einen gelebt, um das andere machen zu können.“

New York, Paris, Ermatingen. In New York hielt er sich acht Monate mit den Mitteln des Literaturförderpreises New York auf, die Erzählung „Die steinerne Insel“ ist 1985 daraus hervorgegangen. Paris war ein Vierteljahrhundert lang ein zweiter Lebensschwerpunkt, neben Ermatingen, wo er bis heute zu Hause ist. Jochen Kelter hat seine Heimat gefunden. Dass er bereits 1969 – als einer der ersten Studenten an der frisch gegründeten Universität Konstanz – seinen Wohnsitz auf der Schweizer Seite der Bodenseeregion einrichtete, war reiner Zufall. Wurzeln geschlagen hat er dennoch, zwischen „Weltläufigkeit und überschaubarem Ort“, wie er einmal die Schweizer Literatur charakterisierte. Als 1974 durch den sogenannten Radikalenerlass seine wissenschaftliche Karriere in Deutschland ein abruptes Ende nahm, war er somit bereits ausser Landes. „Gottseidank“, sagt er heute.

„Die Schriftsteller meinen ja immer, sie seien ganz anders als die Völker, aus denen sie stammen, aber das ist natürlich Quatsch.“ Das sagte er aber auch in jenem seemoz-Interview. Und so lautet seine Antwort, spricht man ihn heute darauf an, was noch deutsch an ihm sei: „Hoffentlich nichts mehr.“ Jochen Kelter ist Schweizer aus Überzeugung. Der Literaturkritiker Klaus Hübner sieht in dem Essayband „Ein Vorort zur Welt“ eine „zärtliche Liebeserklärung an den Thurgau“. In Kelters Essay „Die bleiernen Jahre sind verflogen“ heisst es so: Die Schweiz sei ein Land, „mit ausgeprägten Eigenheiten …, die sie hoffentlich behalten wird.“ Das könnte man auch von dem Jubilar sagen.

 

Aus: Jochen Kelter: Im Grauschlaf stürzt Emil Zátopek. Gedichte. 120 Seiten. 12 × 20.5 cm Juli 2021; Reihe: Caracol Lyrik, Band 4;  978-3-907296-11-0 20 Bild: János Stefan Buchwardt

 

 

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