von Inka Grabowsky, 09.03.2018
Grimms Tierwelt im Naturmuseum Thurgau

Die Bronze-Tiere der Kunstinstallation „Fabelhafte Regierung“ von dem Regierungsgebäude in Frauenfeld bekommen Konkurrenz: Im Naturmuseum stehen bis 19. August zehn andere Märchentiere im Fokus.
Von Inka Grabowsky
„Unser Bild von Wildtieren ist geprägt von literarischen Überlieferungen,“ sagt Museumsdirektor Hannes Geisser bei der Eröffnung der Ausstellung „Grimms Tierleben“. „Wir wollen hier jetzt diesen tierischen Fake News biologische Fakten entgegensetzen.“
Und so spaziert man an den ausgestopften Bremer Stadtmusikanten vorbei (einer Leihgabe des Museums in Olten), an Hase und Igel, bevor sie sich für ihren Wettlauf verabreden oder am Bären, in dem sich mutmasslich ein verwunschener Prinz verbirgt. Die entsprechenden Märchen zum Anhören gibt es in igluförmigen Hütten, die Autobiografien der Tiere kann man hören, wenn man mit einem Zauberstab auf eine Abspielstation drückt. Kurze Texte zum Lesen erläutern die Lebensweise und die Situation in der Schweiz. Ein Forschungscamp mitten in der Sonderausstellung im dritten Stock erlaubt über Videos tiefe Einblicke in das wirkliche Leben von Fuchs, Dachs, Bär oder Wolf. Naturführer und Märchenbücher zum Vorlesen gibt es in der Erzählstube. Im Märchen seien die Tiere Projektionsfläche für menschliche Eigenschaften. Das sage mehr über die Menschen aus als über die Tiere, so der Biologe Geisser. „Wir wollen erreichen, dass die Besucher ihre eigenen Bilder von Wildtieren kritisch hinterfragen und deshalb sachlich über den Umgang mit Wölfen, Rehen und Bären diskutieren können.“
Hier liest auch der Museumsdirektor und Wissenschaftler Hannes Geissler für einmal Märchen. Bild: Inka Grabowsky
Thurgauer Bezüge
Die Ausstellung ist 2015 vom Naturmuseum Winterthur produziert worden und seitdem auf Wanderschaft. Bei ihrer Frauenfelder Ausgabe greift sie einen zusätzlichen Aspekt auf: Jacob Grimm war 1831 bei Freunden auf Schloss Eppishausen bei Erlen zu Gast. Das ist insofern mehr als eine Randbemerkung, weil die Brüder Grimm ihre Märchen eben bei Freunden und Verwandten gesammelt haben. „Jacob und Wilhelm waren 20 und 21 Jahre alt, als sie anfingen, Märchen zu erforschen“, sagt die Kulturwissenschaftlerin Barbara Richner. „Sie haben gleichaltrige Bekannte gebeten, ihnen Märchen zu erzählen. Zwei Adelsfamilien haben ihnen geholfen, indem sie auch bei ihren Bediensteten nachgefragt haben. Die Brüder Grimm haben das Ganze dann verschriftlicht.“
Rahmenprogramm mit unzensierten Märchen
In der Erstausgabe der gesammelten Werke, die ebenfalls in der Ausstellung zu bewundern ist, sind die Märchen noch in ihrer ursprünglichen Form enthalten, inklusive wissenschaftlicher Kommentare. Bei den folgenden Auflagen wurde mehr an die Zielgruppe der Kinder gedacht. „Die Texte wurden immer gefälliger“, erklärt Richner. „Sie wurden sentimentaler, entsexualisiert und verchristlicht.“ Das Naturmuseum Thurgau will diese Entwicklung zeigen. Deshalb gibt es im Rahmenprogramm am 10. April eine Märchenstunde explizit für Erwachsene mit den Urfassungen von 1812. „Zum Ausgleich gibt es dafür ab 25. März für die Kinder das Openair-Theater ‚Gesucht: Biber the Kid’ von der Theaterwerkstatt Gleis 5“, sagt Hannes Geisser.
Termin: Die Ausstellung ist bis zum 19. August im Naturmuseum Thurgau zu sehen. Die Öffnungszeiten:Dienstag bis Samstag 14–17 Uhr sowie Sonntag 12–17 Uhr. Mehr zum Rahmenprogramm zur Ausstellung gibt es hier; http://www.naturmuseum.tg.ch/xml_82/internet/de/application/d14768/f16697.cfm
Unheimlich oder unheimlich niedlich: der Waldkauz. Bild: Inka Grabowsky
Eine Forschungsstation im Märchenwald der neuen Ausstellung im Naturmuseum. Bild: Inka Grabowsky

Von Inka Grabowsky
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