von Patrizia Barbera, 01.02.2016
Hell und dunkel wie das Leben

Gelungener Auftakt: Mit gespanntem Atem und genussvoll geschlossenen Augen lauschten die Zuhörer im bis zum letzten Platz besetzten Saal im Bodmanhaus der verträumten Wortakrobatik von Leta Semadeni.
Die Frage lässt sie verschmitzt auflachen. „Ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht, es hat mich beim Lesen meines Buches – das sich nun wie ein fremdes anfühlt, wenn ich es lese – ebenso überrascht wie Sie, glauben Sie mir.“ Kathrin Zellweger, die durch den Abend gemeinsam mit Co-Kuratorin Norina Procopan und nun durch die Moderation führt, freut sich sichtlich über diese ungewöhnliche Antwort auf ihre Frage, wieso die beiden Hauptfiguren des Romans „Tamangur“ keine Namen haben.
Erst einige Kapitel aus "Tamangur", dann ihre zweisprachigen Gedichte gab die preisgekrönte Autorin am Auftaktabend im Bodmanhaus zum Besten. (Bilder: Patrizia Barbera)
„Vielleicht hat es mir auch geholfen, Distanz zu bewahren zu diesen beiden wichtigen Figuren. Die Grossmutter. Das Kind. Alle Namen, die ich ausprobiert habe, kamen mir schrecklich banal und falsch vor“, sinniert Semadeni, und das Publikum nickt eifrig.
Romanische und deutsche Gedichte im Wechsel
Eine gute Stunde tauchten die Zuhörerinnen und Zuhörer, darunter auch Schüler und Eltern, extra Angereiste und Gottlieber, den traumhaften Szenen und der sanft-polternden Stimme der Autorin, die in der Presse hoch gelobt wurde für ihren Erstlingsroman. Kommenden Monat wird sie dafür mit dem Schweizer Literaturpreis geehrt.
Bis zum letzten Platz ganz hinten gefüllt: Der Saal im Bodmanhaus.
Erst auf deutsch dann auf romanisch las Semadeni behutsam ihre Gedichte vor, lies Wort für Wort genüsslich von den Lippen perlen und entlockte dem Publikum immer wieder wohlwollendes Seufzen und erfreutes Auflachen. "Ein Gedicht ist für mich erst fertig, wenn es in beiden Sprachen funktioniert. Es ist wie ein Dialog, der entsteht zwischen beiden Gedichten und nur als Ganzes sind sie zwei Einzelkunstwerke", resümmierte die Autorin ihren Schaffensprozess, gefolgt von staunendem Gemurmel, das durch die Reihen raunte.
Vorfreude aufs Halbjahresprogramm
So darf es weitergehen, das neue Programm im Bodmanhaus! Doch Procopan, die gemeinsam mit Zellweger die letzten Monate durch Bücherberge und Namenslisten forstete für den literarischen Auftakt in Gottlieben im neuen Jahr, warnte die Anwesenden schelmisch, als sie die einzelnen geladenen Gäste der kommenden Monate im Programm kurz vorstellte:
„Wenn Sie dachten, Sie werden am Ende unseres Halbjahresprogramms belohnt für Ihre Geduld, dann irren Sie sich: Verstören und empören soll und wird uns unsere letzte Autorin mit schwarz-humorigen Beobachtungen der Fremde, in die sie gekommen ist. Sollen wir alle davon tief berührt werden!“ Die Rede ist von Irena Breñná, die zum Abschluss der Saison (am 7. Juli 2016) aus ihrem Buch “Die undankbare Fremde“ lesen wird, moderiert von Procopan.
Ein eingespieltes Team: Norina Procopan und Kathrin Zellweger, das neue Leitungs-Duo.
Denn: Die Moderation, da waren sich die beiden neuen Leiterinnen des Bodmanhauses sofort einig, sollte immer diejenige übernehmen, die den Autor oder die Autorin „gefunden“ hat. Und auch sonst herrscht einvernehmliche Harmonie im Team Zellweger-Procopan.
Tamangur, mystische Ferne und Sehnsuchtsort
Freudestrahlend überreichten die Beiden allen am Auftaktabend Anwesenden Plakate mit der Aufschrift „Tamangur“. Die Rückseite zieren literarische Annäherungen an die sagenumwobene Moor- und Arvenwaldlandschaft im Unterengadin.

Zellweger erklärt der Autorin den Entstehungsprozess des Plakats zu "Tamangur" mit Neuinterpretationen des ursprünglichen Gedichts „Tamangur“ von Peider Lansel, das anlässlich der 10. Frauenfelder Lyriktage gedruckt wurde.
Das Plakat, es entstand nicht zum aktuellen Anlass, sondern in einer früheren literarischen Zusammenarbeit mit Autorinnen und Autoren, die ihre Ideen zu Tamangur in Gedichten verewigt haben. Und doch hätte das Geschenk ans Publikum und die Autorin nicht besser passen können, die noch einmal das Mikrofon zu sich zieht:
„Ich hörte diesen Namen durch Zufall auf einer Wanderung mit Freunden ins Unterengadin und dachte: Wie schön – Tamangur. Zwei helle a, ein dunkles ur. Hell und dunkel wie das Leben. So soll mein Roman heissen.“
Das komplette Programm können Sie sich hier im Anhang herunterladen.
Was bleibt...
Es dauerte noch eine ganez Stunde, bis ich mich nach der Lesung losreissen konnte von der verzauberten Gedankenwelt, in die Leta Semadeni den Raum entführte. Wäre es nicht so ablenkend und umständlich gewesen während der Lesung – man hätte sie am liebsten alle notiert, die schönen Wörter der Autorin. Da flirrte die Strasse, Schneeflocken taumelten und ob der Flieder wie der Grossvater roch, oder der Grossvater wie der Flieder – vielleicht verrät es nur ein nochmaliger Blick ins Buch. Was die Grossmutter in "Tamangur" allerdings sicher weiss: "Mit dem Herz ist es wie mit den Gelenken. Es muss erschüttert und gedehnt werden. Sonst sieht es am Ende aus wie eine eine alte Kartoffel."
Patrizia Barbera
*** In unserer neuen Reihe "Was bleibt..." sammeln wir alle Eindrücke, Lehren, Gedankenschätze und auch kritische Beobachtungen, die unsere KorrespontentInnen von den Veranstaltugnen zurück mit in die Redaktion bringen.
Sie waren auch bei der Vorstellung und hatten einen ganz anderen Eindruck? Lassen Sie es uns wissen! Hier in den Kommentaren oder per E-Mail oder Kommentar auf Facebook und Twitter. Wir freuen uns! ***
***
Mehr zum Thema:
Vertrauen ins Unbekannte – thurgaukultur.ch vom 11.12.2015
Zwei Frauen an der Spitze – thurgaukultur.ch vom 13.07.2015

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- Lesung
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