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von Andrin Uetz ., 16.06.2016

Forum mit inspirierender Vielfalt

Forum mit inspirierender Vielfalt
Michael Kleines Fontäne erfreute Jung und Alt. Wer einen Einfränkler in den Münzautomaten warf, der konnte sich eine Minute lang am fünf Meter hohen Wasserstrahl erfreuen. | © Winnie Lau

„Masse Dichte Frequenz“ hiess das anspruchsvolle und facettenreiche Programm des forums andere Musik in der Altstadt von Frauenfeld vom 9. bis 12 Juni. Im folgenden ein Erlebnisbericht aus den Reihen des Vorstands.

Text Andrin Uetz*, Bilder Winnie Lau*

Eigentlich mache ich ja Schlager und liebe den Mainstream. Als mich Dominik Anliker, bekennender Fan von „Europa: Neue Leichtigkeit“ und junger Präsident des „forum andere musik“ anfragte, ob ich bei diesem Verein mitmachen wolle, da fühlte ich mich geschmeichelt. Und weil damals noch das Gerücht umging, dieser Verein hätte mega viel Geld, so dachte ich; warum nicht!

Seither sind gut zwei Jahre vergangen. Das Gerücht mit dem vielen Geld war wohl auf ein Verschwimmen der Begriffe Verein, Forum und Fifa zurückzuführen. Und da ein Haufen junger Künstler oft über grosse Ideen aber wenig Zeit verfügt, so fragte ich mich immer wieder, warum.

Warum muss sich der neue Vorstand gleich mit einem Festival übernehmen? Warum sich die Mühe machen, ungewöhnliche Bühnen zu suchen? Warum während vier Tagen zehn Künstler/innen und zwölf Auftritte kuratieren? Warum einen sechs Meter hohen Turm und eine ebenso hohe Fontäne auf dem Bankplatz installieren? Und das alles mit einem Budget, das bei der Fifa gerade mal den Tisch für zwei dutzend Funktionäre decken würde...

Einerseits, weil Kunstschaffende verrückt sind. Sonst würden sie sich ja einen richtigen Job suchen. Andererseits, weil die Qualität der Aufführungen so hoch, die Begegnungen so bereichernd, und die Ideenvielfalt so inspirierend waren, dass, wer vom 9. bis zum 12. Juni nicht in Frauenfeld war, wirklich etwas verpasst hat.

Le Pot: Da “Masse – Dichte – Frequenz” die dezente Bespielung der Altstadt von Frauenfeld zum Ziel hatte, war ein Start mit den Freejazzern von Le Pot aus der Nordwestschweiz keine schlechte Wahl. Das fantastische "Funktion One" Soundsystem trug die Klangschichtungen, die verzwackten Rhythmen und die Trompetenstösse in die Soundscape der Altstadt. Das war auch der hervorragenden Tontechnik von Ruedi Tobler zu verdanken.

Trio Heinz Herbert: Anna Pedemonte und Nicolò Krättli verdichteten den Konzertraum des Kaff und schafften damit Räume, welche etwas an David Lynch denken liessen. Das Trio Heinz Herbert aus Zürich improvisierte am Donnerstag und am Freitag Abend darin.

Kulturzentrum Kaff: Jedem seine eigene Bar. Inspiriert von japanischen Ramen- Restaurants wurde das Konzept eines Tresens umgedacht.

Winnie Lau: Mit “Outside my (your) Bedroom Window” wollte Winnie Lau etwas Hong Kong nach Frauenfeld bringen. Neonlichter aus Sham Shui Po und Klangaufnahmen von Mong Kok simulierten das überwältigende Erlebnis der Grossstadt. Durch das transparente Netz der Gerüstbauer sah man die St. Nikolauskirche, das Bernerhaus und den Bankplatz.

Tobias Meier: Der Zürcher Saxophonist Tobias Meier bespielte die Mittelgasse mit einer art Minimal Music, welche mit Zirkuläratmung und rhythmischem Schlagen der Klappen ganz ungeheuerlich zu faszinieren vermochte. Die Vermischung dieser urbanen Klänge mit dem Geläut der Rüetschi Glocken zur Abendmesse waren ein Highlight.

Paul Giger: Länger als eine Stunde spielte Paul Giger in der St. Nikolauskirche. Er ging dabei leise umher, nutzte den grossen Hall und zeigte eine solche Differenziertheit in der Klanggestaltung, dass jeder Vorwurf des New-Age-Kitsches schlicht obsolet wird. Er schaffte es zu berühren, ohne sich anzubiedern. Fast schon wäre man versucht zu sagen, es sei etwas Überzeitliches an seiner Musik, von solcher Kurzweil war sein Konzert.

Jermaine Sprosse: “Auch ohne Voranmeldung möglich”; was eigentlich für den Coiffeur Rüegger gilt, galt am Samstag für Jermaine Sprosse. Dieser improvisierte exklusiv für eine jeweils beschränkte Anzahl von Gästen zu einem Thema nach Wahl auf dem Clavichord.

Aliénor Dauchez: Michael Kleine und Johannes Keller verschrauben die Box von “72x41x35”, einer Performativen Installation der Berliner Künstlerin Aliénor Dauchez. Diese begibt sich jeweils 20 Minuten in diesen engen Raum, wobei sich Geborgenheit und Enge dialektisch spiegeln.

Trio Heinz Herbert: Das Trio Heinz Herbert krönte ihre dreitägige Residenz in Frauenfeld mit einem Auftritt beim Bankplatz. Sie kombinierten dabei Experimentierfreude, Witz und Konzentration zu einer einnehmenden Mischung aus Industrial-Jazz, Post-Rock und House.

Gäste: Johannes Eiholzer (in der Mitte) und seine Leute vom Kaff waren für die Bar zuständig. Ohne seinen Einsatz und seine Vernetzung in Frauenfeld wäre die Veranstaltung kaum durchführbar gewesen. Dafür dankt ihm das ganze forum. Sonst noch im Bild: Katharina Alder, Dominik Anliker und Billy Roisz.

Billy Roisz: Billy Roisz aus Wien nahm während drei Tagen mit einer Kupferspule den Elektrosmog von Frauenfeld auf, sowie einige Klangaufnahmen. Aus diesen Daten komponierte sie eine audiovisuelle Konzert-Performance. Diese zeigte sie am Samstag Abend im Kaff.

Jermaine Sprosse: Zum Sonntag gab es drei Söhne von Bach. Jermaine Sprosse spielte die Folie d’Espagne H263 von Carl Philip Emanuel Bach (1714–1788), die Sonate in C-Dur BR A 2b von Wilhelm Friedemann Bach (1710–1784) und die Sonate in c-Moll op. 17/2 von Johann Christian Bach (1735–1782).

Mario Schenker & Hayden Chisholm: Gerhard Richters Bild „4900 Farben“ fungierte als Inspiration für die Mikrotonale Kompositionen des Richter Zyklus von Mario Schenker. Im Duo mit dem in Köln lebenden Neuseeländer Hayden Chisholm, einem Meister des Vierteltonspiels auf dem Saxophon, gab es mit dem Stück Nr. 9 sogar eine Uhraufführung.

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*Andrin Uetz ist Vorstandsmitglied des forums andere Musik, *Winnie Lau ist Multi-Instrumentalistin und Mixed-Media Artistin.

 

www.forumanderemusik.ch

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