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von Brigitta Hochuli, 30.06.2010

«Kunst-Stücke» – Das Wunder von Kreuzlingen?

«Kunst-Stücke» – Das Wunder von Kreuzlingen?
Ballon-Aktion am 6. Juni 2010 der Kunstgruppe mit Heidi Schöni und Claudia Rüegg im Innenhof des Medien- und Didaktikzentrums der Pädagogischen Hochschule Thurgau. | © Markus Oertly

Das Thurgauer Kulturamt weist das Kreuzlinger Campus-Projekt Kunst-Stücke zur Überarbeitung zurück. Nun soll die Vorgabe des legendären Seminardirektors Willi Schohaus trotz der «schnöden» Rückweisung verwirklicht werden. Er verstand die Erschliessung des Kunstverständnisses als Aufgabe der Lehrerbildung.

Brigitta Hochuli

Kalt und seelenlos wirke auf sie, mit wie viel Glas und Beton die Pädagogische Hochschule Thurgau (PHTG) gebaut worden sei. Dies sagte die Grüne Isabella Stäheli vor einem Jahr im Grossen Rat. Im Bau-Budget sei für die «Kunst am Bau» ein Betrag enthalten gewesen. «Er wurde ad acta gelegt», bedauerte die Kantonsrätin. Weil künftige Lehrkräfte aber Multiplikatoren für die Weitergabe der Kultur seien, könne nicht akzeptiert werden, dass bei der Kunst gespart werde.

«Wir geben nicht auf»

Inzwischen haben die Schulleitungen der Kreuzlinger Campus-Schulen PHTG, Pädagogische Maturitätsschule (PMS) und Kantonsschule (KSK) beim Lotteriefonds das Projekt Kunst-Stücke eingereicht. Für eine Projektphase von drei Jahren sollten aus dem Lotteriefonds jährlich 50 000 Franken für künstlerische Inszenierungen gesprochen und 40 000 Franken Eigenmittel für die Kulturvermittlung der drei Schulen eingebracht werden. Die Eingabe sei seiner persönlichen Meinung nach «schnöde zur Überarbeitung zurückgewiesen» worden, sagt Projektverfasser und PH-Mediendozent Kurt Schmid. «Wir geben aber nicht auf, vor allem nicht auf diese Weise.»

Nicht konkret genug

Grund für die Rückweisung sei nicht die Ablehnung des Projekts, sagt Kulturamtchef René Munz. Das Projektdossier sei vielmehr nicht auf einem genügend konkreten Stand, um darüber entscheiden zu können. «Ich hoffe, dass die Projektgruppe das Ganze überarbeitet und detailliert budgetiert, damit wir dann dem Regierungsrat einen entsprechenden Antrag stellen können.» Wenn die Aufmerksamkeit verschiedener Beobachter wie Kommissionen, Öffentlichkeit oder Medien sowie der Wille der Beteiligten wie Schulleitungen, Hochschulrat oder Regierungsrat genügend gross sei und die Notwendigkeit für Kunst am Bau in einer pädagogischen Ausbildungsstätte immer wieder thematisiert werde, könne er sich vorstellen, dass entsprechende Projekte realisierbar wären. «Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, unterstützen wir gerne mit.»

Zeichen des Zeitgeistes

Kurt Schmid ist nun offiziell von den Schulleitungen beauftragt worden, das Kunst-Stücke-Projekt weiter zu verfolgen. Es handle sich dabei nicht um Kunst am Bau, betont er. Die Projekt-Papiere seien im Zuge dieses laufenden – und kontroversen – Verfahrens allerdings noch unter Verschluss. Eigentlich wolle man versuchen, in zeitgemässer Form das «Kunststück» des legendären Pädagogen Willi Schohaus zu wiederholen, der von 1928 bis 1962 Seminardirektor gewesen war.

Die Erschliessung des Kunstverständnisses sei eine Aufgabe der Lehrerbildung, war dessen Devise. Jedem sei klar, dass nur jener zur Literatur und Musik einen Zugang finde, der lese und höre. «Eine entsprechende Erkenntnis fehlt aber weit herum gegenüber den Werken der bildenden Kunst», zitiert Schmid Willi Schohaus. Dessen Seminar habe deshalb nebst dem Zeichenunterricht auf die Begegnung der Seminaristinnen und Seminaristen mit Kunstwerken gesetzt. Weiter getragen worden sei dieser Impetus auch vom ehemaligen Konviktleiter Ernst Mühlemann. Ihm sei es mit Schohaus darum gegangen, «Bilder als Zeichen und Gleichnisse des Zeitgeistes zu verstehen».

Der musische Funke

Im Sinn von Schohaus und Mühlemann setzt die Projektgruppe mit den «Kunst-Stücken» auf die Begegnung mit Kunst und Kunstschaffenden auf dem gesamten Campus. Dort sollen künstlerische Interventionen durchgeführt und nicht einfach «Kunst appliziert» werden. «Künstlerinnen und Künstler sollen im Rahmen eines mehrjährigen Projekts vor Ort und originär in den Campus der Bildungsinstituionen und auch ins Schulleben eingreifen», sagt Projektleiter Kurt Schmid. Und er hofft: «Vielleicht wiederholt sich ja das Wunder von Kreuzlingen und der musische Funke springt über.»

Klangsteine statt Ausgabe

Dass dieser musische Funke ursprünglich in Form von «Kunst am Bau» nicht übergesprungen ist, erklärt Kantonsbaumeister Markus Friedli auf Anfrage mit einem «Ausgabeverzicht». Im Kredit für die Erweiterungsbauten der Lehrerbildung seien 100 000 Franken für Kunst enthalten gewesen. Im Juli 2007 hätten die Chefs der Departemente Erziehung und Kultur sowie Bau und Umwelt jedoch beschlossen, diesen Posten wegzulassen und als künstlerischen Schmuck die Klangsteine des Künstlers Arthur Schneiter «im Neubau vorteilhaft zu platzieren». Somit hätten diese Klangsteine nach der Aufhebung des Seminars TWG in Weinfelden wieder einen geeigneten Ort. «Mit diesem Ausgabeverzicht», so Friedli, «konnten die beiden Regierungsräte dem Antrag der Nutzerschaft hinsichtlich Kunststein- anstelle von Hartbetonbodenbelägen entsprechen und die dafür erforderlichen Finanzmittel bereitstellen.»

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