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von Brigitta Hochuli, 27.05.2010

«Ohne Halt bis Bern»

«Ohne Halt bis Bern»
„Ohne Helm unterwegs nach Bern“, witzelt Thomas Götz vor dem Stelzenhof auf dem Ottenberg. | © Brigitta Hochuli

Thomas Götz, alias Kantonsrat Arnold Schnyder, ist auch im richtigen Leben schlagfertig. Im Theaterhaus Thurgau gibt er mit dem ersten Soloprogramm weitere Kostproben von seiner Begabung.

Interview: Brigitta Hochuli

Herr Götz, Sie nennen Ihr Stück «Ohne Halt bis Bern» eine Politsatire. Wie definieren Sie Satire?

Thomas Götz: Satire ist eigentlich nichts anderes als Kritik. Satire heisst Querdenken, einen anderen Blickwinkel einnehmen, etwas zwischen den Zeilen ausdrücken oder überzeichnen. Grundsätzlich ist es immer gut, kritisch zu sein.

Wieviel Kritik braucht oder verträgt die Thurgauer Politik?

Götz: Es geht in meinem Stück ja um die Nationalratswahlen und somit um öffentliche Personen. Keiner wird Politiker, wenn er Kritik nicht einstecken kann. Ich bringe aber nur Sachen, die allgemein diskutiert werden. Ich greife niemanden persönlich an. Meine Kritik trifft auch nicht nur die Politiker, sondern die Politik an und für sich.

Trotzdem, wo genau ist Kritik an der Thurgauer Politik angebracht?

Götz: Es gibt schon ein paar Figuren und Politiker im Thurgau, die dazu Anlass geben.

Zum Beispiel?

Götz: Nehmen Sie Spuhler. Da darf man schon ein wenig kritisch sein. Er hat grossen Einfluss, und Kantonsrat Arnold Schnyder schaut zu ihm auf und findet es super, wie Spuhler das alles schafft.

Gibt es Filz im Thurgau?

Götz: Ja, den gibt es. Es entsteht daraus aber auch Gutes, und es finden sich in diesem Umfeld grosse Netzwerker und Strategen. Deshalb kreide ich das auch nicht an. Andererseits gibt es auch viel Eifersucht bei jenen, die nicht dazu gehören.

Wie sieht es mit politischen Leitfiguren aus?

Götz: Das ist schon ein Problem. Thomas Onken und Ernst Mühlemann waren solche charismatische Figuren. Im Moment fehlen sie ein wenig. Das hat wohl mit den Polarisierungen innerhalb der Parteien zu tun. Im Kantonsrat gibt es aber immer noch gute Redner, die ihre Anliegen auf den Punkt bringen können.

Wie orientieren Sie sich über das Parlament?

Götz: Ich lese Zeitung und die Vorstösse der Parlamentarier im Internet, oder ich setze mich auf die Tribüne.

Wo stehen Sie denn selber politisch?

Götz: Ich lasse alles gelten. Ich war nie wahnsinnig politisch engagiert.

Wenn Sie den Napoleon spielen, hat man aber nicht diesen Eindruck.

Götz: Als Napoleon spiele ich aus einer höheren Warte, Napoleon geht nicht an jede Hundsverlochete. Als Napoleon hat man immer das letzte Wort, da spielt eine gewisse Überheblichkeit mit. Das liegt mir vielleicht näher. Kantonsrat Schnyder ist da schon etwas naiver. Ausserdem ist er der einzige Parteilose im Grossen Rat. Das hat wiederum grosse Vorteile. Bei dieser Figur haben die Leute am Anfang manchmal gar nicht gemerkt, dass sie nicht echt ist.

Ihr Napoleon ist seit dem 200-Jahr-Jubiläum der Mediationsakte von 1803 geradezu legendär. Besteht da nicht die Gefahr, auf diese Rolle fixiert zu werden?

Götz: Nein, denn als Napoleon pflücke ich mir immer wieder etwas Neues heraus oder lasse mich aktuell briefen. Ausserdem spiele ich mit der Bühni Wyfelde auch viele andere, ernsthafte oder tragische Rollen.

Sie sind 48 Jahre alt und spielen bei der Bühni Wyfelde seit zehn Jahren mit. Haben Sie nie eine professionelle Schauspielausbildung angestrebt?

Götz: Die Begabung wurde spät entdeckt. Aber heute könnte ich mir vorstellen, von Anfang Schauspieler werden zu wollen.

Wie eignen Sie sich Ihr Können an? Oder spielen Sie rein intuitiv?

Götz: Bei der Bühni Wyfelde habe ich die Gelegenheit, mit guten Regisseuren zu arbeiten, die einen auch fordern. Von ihnen lerne ich viel.

Und Sie bleiben dabei?

Götz: Ja, ich will die Schauspielerei weiterentwickeln. Mein Soloprogramm «Ohne Halt bis Bern» gehört zu einer Strategie, die ich weiterverfolgen will. Obwohl, eine Kulturkarriere kann man ja nicht planen. So wenig wie eine politische.

Mit dem Soloprogramm haben Sie Ihr erstes zusammenhängendes Stück geschrieben. In der Thurgauer Zeitung haben Sie geschildert, wie schwierig es sei, es auf anderen Bühnen auch ausserhalb des Kantons unterzubringen.

Götz: Ja, es ist mein grosser Wunsch, dass es auch ausserkantonal mal klappen würde. Ich habe schon verschiedene Veranstalter angeschrieben. Aber die Resonanz ist klein. Es gibt eben teils auch einen kulturellen Filz. Oder man kennt die Leute nicht. Ich bin aber nicht der einzige, dem es so geht.

Eine letzte Frage: Fühlen Sie sich manchmal als Hofnarr des Kantons Thurgau? Sie sind ja ausserordentlich schlagfertig.

Götz: Schlagfertig bin ich auch im richtigen Leben. Aber ein Hofnarr? Man sagt, Hofnarren hätten weit gehen können. Aber zu weit gehen ist dann auch wieder nicht nötig.

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