von Maria Schorpp, 29.10.2026
Permanente Grenzverletzungen

Aufgewachsen in einer Männer-WG in den 80er Jahren in Berlin – mit Lilli Tollkiens Debutroman „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ begannen die 10. Weinfelder Buchtage. Die Autorin erzählte von ihrer Arbeit und erklärte ihren autofiktionalen Roman zum Ermächtigungstext. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Zuerst fand es Lilli Tollkien zu gewagt mit diesem Romananfang im Bauch der Mutter. Was sie dann bewog, doch zu beschreiben, wie das Ungeborene bereits mitbekommt, was es in dieser Welt erwartet, war ein taktisches Motiv. So konnte man die Autorin bei der Vorstellung ihres Buchs bei den diesjährigen Weinfelder Buchtagen verstehen.
Mit diesem Einstieg wollte sie von vornherein klarmachen, dass ihr Roman „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ tatsächlich ein Roman ist und als solcher fiktiv, wenn auch mit autobiografischen Zügen.
Gleich zwei renommierte Literaturpreis-Nominierungen
Die Autorin aus Leipzig hat mit ihrem Debut einen Volltreffer gelandet. Im zurückliegenden März im Aufbau Verlag erschienen schaffte es das Buch über ein Kind, das in einer Männer-WG aufwächst, sowohl auf die Longlist des Deutschen Buchpreises für dieses Jahr als auch eine Nominierung für den „ZDF-aspekte“-Literaturpreis.
Die 10. Weinfelder Buchtage hatten am Dienstagabend im Kulturlokal „Goldener Dachs“ somit einen rundum bemerkenswerten Auftakt. Möglicherweise war auch dem Ruf des Romans geschuldet, dass man sich eines leider bei Lesungen seltenen Anblicks im Publikum erfreuen konnte: junge Menschen, schätzungsweise unter 20.
Reinhören: Leseprobe aus dem Roman
Mit „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wurde Tollkiens Erstling schon verglichen. „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ spielt ebenso in Berlin, es geht ebenso um Drogen, um Vernachlässigung und um die Erzählperspektive eines jungen Menschen. Tollkien wies im Gespräch mit Larissa Waibel vom Limmat Verlag ausdrücklich daraufhin, dass die Perspektive eines Kindes neu ist in der Literatur über die 80er Jahre. Die in der Tat derzeit sehr populär sind.
Die Lesung begann denn auch mit dem ersten Kapitel ihres Romans, jenen Wahrnehmungen der noch ungeborenen Lale, und es wird die Vorwegnahme der Themen sein, die das heranwachsende Kind in seinem Leben beschäftigen werden: die Drogensucht der Mutter, der Vater, der seine Kriminalität und sonstige fragwürdige Handlungen als politische Haltung verbrämt, und – Haut. Für die Autorin eines ihrer Hauptmotive, wie sie berichtete.
Haut bedeutet Abgrenzung
Die Haut ist für Lale die Aussengrenze, mit der sie ihr Leben vor den anderen zu schützen versucht, ohne zu wissen, „wo innen aufhört und außen beginnt“. Abgrenzung ist schwer, da, wo sie aufwächst, in dieser Männer-WG, in die sie kommt, weil der Mutter das Sorgerecht entzogen wird und wo es scheinbar keine Grenzen gibt, auch nicht für das Kind.
Stattdessen Süssigkeiten bis zum Abwinken, Fernsehschauen bis in die Puppen. Das Gerede von Freiheit wird von der Autorin mit zielgenauem Blick als mangelndes Verantwortungsgefühl der WG-Bewohner entlarvt. Einmal schrubbt sich Lale das Gesicht mit Seife, um „diese durchscheinende, blau marmorierte Haut“ der Kinder aus Neuköll loszuwerden.
Haut steht für die körperliche Grenze – Identität könnte man auch sagen –, die Lale sucht und die immer wieder verletzt wird, erläuterte Tollkien. Vor allem durch immer wiederkehrende sexuelle männliche Übergriffe, insbesondere in der WG, vom Vater stillschweigend geduldet. Das Thema sexueller Missbrauch zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman, und es wäre angemessen gewesen, es im Gespräch auf der Bühne des Kulturlokals nicht nur zu streifen. Anstatt zu lernen, dass sie beschützt wird, lernt Lale sich zu schämen und sich selbst Schuld zu geben.
Auch hier wird Lilli Tollkiens Roman besprochen
Die patriarchalen Strukturen wurden von den Frauen übernommen
Beeindruckend lebensecht schildert die 46-Jährige Autorin das männliche Dominanzgebaren jener Zeit gegenüber Frauen. Frauen kommen und gehen, je nach Lust und Laune dieser vier Machos, manche kümmern sich um Lale, auch um ihrem Vater zu gefallen. Umgekehrt lernt Lale, ebenfalls auszuteilen, wenn eine stört.
Lilli Tollkien betonte im Gespräch immer wieder die patriarchalen Strukturen, die in dieser linken Splittergruppe wirksam waren und die von den Frauen übernommen wurden. Naheliegend, dass auch Lale ihren Körper mit dem männlichen Blick beurteilt.
Larissa Waibel, Lektorin und Co-Verlagsleiterin des Limmat Verlags, brachte etliche Aspekte ins Gespräch ein. So ging es auch um die seelischen und körperlichen Folgen dieser Vernachlässigung und der Grenzüberschreitungen, um Lales eigenen Absturz und um die vielen Versuche, sich zu heilen. Ob das Schreiben für Lale die Heilung bedeutet – eine der autobiografischen Parallelen – fragte Waibel gegen Ende des Gesprächs. Das allein nicht, so die Antwort Tollkiens, das sei in ihrem überwiegend nüchtern erzählenden Roman ein kleines märchenhaftes Motiv.
Video: Lilli Tollkien auf der Frankfurter Buchmesse
Notgedrungen ein politischer und feministischer Text
Das Buch bedeute ihr „sehr, sehr viel“, nach vielen gescheiterten Versuchen, mit Fotografie oder Musik „etwas nach draussen zu bringen“. Der Text sei nicht politisch oder feministisch intendiert gewesen, sei es aber dennoch geworden. Notgedrungen, könnte man ergänzen.
Tollkien sieht ihn als „Ermächtigungstext“. Ihre wenig hoffnungsvolle Einschätzung, dass sich seit damals nicht so viel getan habe, vermutlich meinte sie das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, konterte die Lektorin Waibel mit dem Hinweis, dass es heute sehr viel mehr Bücher gebe „von Frauen, die sich trauen, darüber zu schreiben“.
Auf jeden Fall hat sich bewahrheitet, was Katharina Alder, Organisatorin und Programmgestalterin der Weinfelder Buchtage, bei ihrer kurzen Einführung (nicht nur) den jungen Menschen im Publikum versprochen hatte: eine „Autorin aus Fleisch und Blut“, die auch deshalb so lebensnah rüberkam, weil sie trotz der bereits vielen Lesungen immer noch erfrischend wenig routiniert auftrat. Glaubwürdig, wie ihr Roman.
Die Weinfelder Buchtage dauern noch bis zum 1. November an. Mehr zum Programm gibt es hier.

Von Maria Schorpp
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