von János Stefan Buchwardt, 11.01.2010
Streit der Kulturen als Gute-Laune-Garant

Im Sirnacher Gemeindezentrum Dreitannen wird erneut Operettenauferstehung zelebriert. Mit allen Mitteln der Theater- und Vermarktungskunst wird Emmerich Kálmáns 1928 uraufgeführte Operette «Die Herzogin von Chicago» fulminant reanimiert. Der Blick aufs Ganze zeugt von grosser Sorgfalt, gut eingesetztem Können und wertschätzendem Umgang mit Mensch und Theatermaterie.
Der erste grosse Thurgauer Kulturevent im neuen Jahrzehnt wartet mit einem lustvollen Musikkrieg auf: Csárdás gegen Slowfox, Walzer gegen Charleston. Diese neunzehnte Produktion der Theatergesellschaft Sirnach nimmt sich einen mit Sentiment und Ironie gespickten Leckerbissen vor. Ob nun Sympathisant des Operettenfachs oder nicht - die Sache gelingt. Mit der Sirnacher Miss Mary Lloyd aus Chicago - gespielt von der weit im Land herumgereichten, hoch talentierten Carin Lavey - ist für erstklassige Showtime gesorgt. Sie ist schlichtweg hinreissend. Grosses Lob aber haben alle Mitwirkenden mehr als redlich verdient. Der Abend überzeugt, den Regeln der Unterhaltungskunst gehorchend. Und das bei einem Werk, welches nicht einmal zum Besten seiner Gattung zählt, und bei einer Spielstätte, die an moderner Bühneninfrastruktur zu wünschen übrig lässt. Gut, Sirnach ist nicht Las Vegas, nicht der Broadway. Dennoch versteht man sich hier bestens auf den Grossanlass - mit idealistischem Elan, mit breit gestreutem Engagement. Was über die Weltenbretter dieser Gemeinde geht, hat mit lokaler Passion zu tun - ein weltliches Oberammergau. Am Premierenabend liess die gesprächsfördernde Enge im Dreitannenfoyer auf Tuchfühlung mit hiesiger Polit- und Kulturprominenz gehen. Festlich herausgeputzt fällt sich Rang und Namen in die Arme. Philipp Müggler, Präsident der Theatergesellschaft, und der Gemeindeammann Kurt Baumann sprechen ihr Publikum persönlich an. Die Region lässt sich feiern, mit gutem Grund und Gewissen.
Leichtes Genre mit Gehalt
Wer hat noch daran gezweifelt, dass der regie- und federführende Leopold Huber sein Handwerk in Kálmáns Herzogin bestens unter Beweis stellen wird? Bewusst wohl oder sogar als Zugeständnis an das Erwartete stellt er sich in eine unspektakuläre Aufführungstradition. Verpönten Ballast trotzdem zu umschiffen, billigen Unterhaltungskitsch mit dem frisch sprudelnden Herzblut der Beteiligten von der Bühne zu fegen, ja, mehrheitlich besteht der Theaterzampano diese Gratwanderung. Erst gegen Ende gerät der Operettenstrudel mit der derb schillernden Figur des Wurstmilliardärs aus dem Amiland (gespielt von Bastian Stolzenburg, der auch glänzend den König Pankraz von Sylvarien gibt) und der vom Genre aufgezwungenen Happy-End-Anstrengung ins Fahrwasser effekthascherischer Überzeichnung. Indes, die Frage bleibt, ob sich heutzutage eine neuerlich verdiente Veredelung Emmerich Kálmáns als eines Musikvertreters der sogenannten silbernen Operettenära vollziehen lässt. Gold für «Die Herzogin von Chicago»? Für die verwöhnte, stillos laute Milliardärstochter, die meint, sich für Geld alles kaufen zu können, zuletzt sogar den Erbprinzen Sándor Boris - in Gestalt von Florian Stern ein gewinnender Operettentenor, der unseren Geschmacksnerven eine leicht schärfere und leidenschaftlichere Paprikanote hätte zutrauen dürfen. Immerhin, der freche Weitblick Kálmáns, transatlantische Dimensionen zu thematisieren, hat es in sich. So begegnet er elegant dem Vorwurf, einem musealen Operettenkonzept nachzuhängen und Tradition mumifizieren zu wollen. Internationalität ins Spiel zu bringen, interkulturelle Konflikte auf offener Bühne austragen zu lassen, das spricht für seine Modernität.
Mit viel Pepp aufgespielt
In Sirnach wird offensichtlich, dass Operette nicht von heute ist, aber der Kálmánsche Plot «Liebesstreit als Kulturkampf» - beziehungsweise der seiner Librettisten Brammer und Grünwald - verleiht dem Abend aktuelle Brisanz. Der hochmütigen Moderne den Spiegel vorhalten - das Premierenpublikum verstand und signalisierte grosse Zustimmung. Der Unterhaltungswert des polarisierenden Potenzenpaars Ökonomie und Kultur lässt den Puls des ausverkauften Hauses immer wieder höher schlagen. Das gesangliche Ensemble (neben den Genannten: Liliane Ecoffey, Jurij Drole, Johannes Friesenegger, Oliver Kühn, Rolf Sommer u.w.), die tänzerischen Garden, die Offiziere, die Ladies vom Excentric Club, sie alle tragen dazu bei, das bunt und liebevoll aufgespiesste Verhältnis zwischen den USA und Europa exzellent ins Rampenlicht zu rücken. Man hat Grund genug zum Jubeln und Applaudieren. Kostüme, Bühnenbild, Chor, Choreographie, alles zeigt sich von der besten Seite. Unter der langjährigen und souveränen musikalischen Leitung von Martin Baur wird auf knapp bemessenem Raum intoniert, was das Zeug hält: «O Rosemarie», «Rose der Prärie», «Ein kleiner Slowfox mit Mary», «Den Walzer hat der Herrgott nur für Verliebte erdacht» ... Den alles in allem über 200 Mitwirkenden vor, hinter und auf der Bühne gebührt Dank für die grossartige Leistung.

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