von Brigitta Hochuli, 06.05.2010
Über den Tellerrand hinaus

Das Nebeneinander von lokalen und internationalen Positionen enthalte ein Potential, das wesentlich interessanter sei als nur die Kunst aus der Region oder die Internationale allein, sagt Markus Landert, Direktor des Kunstmuseums Thurgau. Er schaue gerne über den Tellerrand hinaus. Aber: «Ein Museum ist kein Talentschuppen, sondern eine Institution, in der wenn möglich nur anerkannte und gesicherte Positionen auf den Prüfstand gehoben werden.»
Fragen: Brigitta Hochuli
Herr Landert, im aktuellen Heft «Unser Thurgau» vergleichen Sie den Vorarlberger Künstler Franz Huemer mit der Thurgauer Fotografin Simone Kappeler. Bei ihr stelle sich die Frage, was denn die Thurgauer Landschaft so besonders mache. Es sei eine Frage, deren Brisanz weit über die Kunst hinausreiche. Worin genau liegt die BRISANZ der FRAGE?
Markus Landert: Landschaft und Natur gehören im Thurgau zu den zentralen Werten der Identität. Nicht nur im Thurgauer Lied wird Bezug genommen auf die Schönheit und Besonderheit dieser Landschaft. Die Unversehrtheit und das harmonische Zusammenspiel von Siedlung und Natur wird bei jeder passenden und weniger passenden Gelegenheit angerufen als einer der Eckwerte des Thurgauischen.
Nun ist es allerdings so, dass technische und gesellschaftliche Veränderungen unübersehbare Spuren in dieser nur noch vermeintlich natürlichen Landschaft hinterlassen. In den letzten Jahren hat sich der Thurgau von einem bäuerlich geprägten Kanton in eine Agglomeration mit engen Verkehrsbeziehungen zu den Zentren St.Gallen, Konstanz und Zürich verwandelt. Hochleistungsstrassen vernetzen wuchernde Einfamilienhaussiedlungen zu einem fein verästelten metropolitanen Netz, in dem unberührte, «stille» Zonen wie der Seerücken gleichsam Reservatscharakter erhalten.
Diese Entwicklung ist wohl unaufhaltbar. Deshalb wäre es wichtig, zukunftsgerichtete Vorstellungen von «natürlicher» Landschaft zu entwickeln. Es genügt nicht, mit einer Träne im Auge das Thurgauer Lied zu singen und einer verschwindenden Idylle nachzutrauern. Was es braucht, ist eine offene und streitbare Diskussion darüber, wie die Thurgauer Landschaft in Zukunft aussehen soll. Und ebenso braucht es eine Reflexion darüber, wie eine derart veränderte Landschaft das Selbstverständnis des Kantons beeinflussen wird.
Zu Franz Huemer schreiben Sie, dass sich seine Entschlüsselung der Natur zu einem umfassenden persönlichen, mythischen, ja esoterischen Weltgebäude letztlich nur dem Künstler erschliesse. Wem oder was nützt sie dann? Oder sitzen wir da einem Widerspruch auf?
Wohl jeder Künstler entwickelt in sich geschlossene Bilder- und Gedankengebäude, die sich einer vollständigen Erschliessung durch das Publikum letztlich entzieht. Können wir die Bilder von Van Gogh verstehen? Wem oder was nützen die Werke von Picasso, von Klee, von Monet?
Kunst oder Poesie entziehen sich einer platten Nützlichkeitsforderung. Sie gehören zu den letzten Zonen (geistiger) Freiheit in unserer Gesellschaft. Gedankengebäude wie jene von Franz Huemer «nützen gerade dadurch, dass sie abgesicherte Denkkonventionen durch oft waghalsige Überlegungen in Frage stellen. Allerdings ist ein solcher Nutzen nur jenen erschliessbar, die bereit sind, sich auf eine Auseinandersetzung einzulassen. Wer nicht in seine Neugierde investiert, wird nichts sehen, nichts erkennen.
Franz Huemer wurde entdeckt von Ernst Fuchs und später ausgestellt von Harald Szeemann. Das Kunstmuseum Thurgau widmet ihm nun eine umfassende Ausstellung. Es gibt Stimmen, die sich mehr Thurgauisches wünschen, etwa eine Ausstellung mit Bildern des vor vier Jahren verstorbenen Oberthurgauers Werner Haselmeier. Was entgegnen Sie? Und welche Strategie in der Künstlerwahl verfolgen Sie?
Im Kunstmuseum Thurgau sind immer Werke von Künstlerinnen und Künstlern mit Bezug zum Kanton zu sehen. In der aktuellen Sammlungspräsentation (bis 30. Mai) sind dies zum Beispiel Werke von Simone Kappeler, Anton Bernhardsgrütter, Johannes Gees, Hannes Brunner, Christoph Rütimann, Evelyn Ammann, aber auch von Adolf Dietrich, Carl Roesch, Helen Dahm, Robert Wehrlin oder Martha Haffter. Gezeigt wird übrigens auch ein Bild von Werner Haselmeier. Gerne schaue ich allerdings über den Tellerrand hinaus, ist doch die Kunst heute ein globale Angelegenheit. Deshalb finden sich in dieser Ausstellung auch Werke des Winterthurers Ron Temperli, der St.Galler Bernard Tagwerker und Alex Hanimann, des Appenzellers H. R. Fricker oder des Vorarlbergers Rainer Ganahl. Durchsetzt wird diese Regionsschau durch Arbeiten von international bekannten Künstlerinnen und Künstlern etwa Janet Cardiff, Marina Abramovic oder Joseph Kosuth. Die gezeigten Werke sind zu inhaltlichen oder haltungsmässigen Konstellationen zusammengestellt, was spannende Vergleiche möglich macht. Das Nebeneinander von lokalen und internationalen Positionen enthält ein Potential, das wesentlich interessanter ist, als nur die Kunst aus der Region oder die Internationalen allein. Sowohl bei der Sammlungserweiterung wie bei den Ausstellungen wird eine Mischung angestrebt, die gleichermassen präzis wie engagiert ist.
Dann ist natürlich auch darauf zu achten, dass möglichst die besten Positionen gezeigt werden. Ein Museum ist kein Talentschuppen, sondern eine Institution, in der wenn möglich nur anerkannte und gesicherte Positionen auf den Prüfstand gehoben werden. Nicht nur weil die Ressourcen beschränkt sind, muss eine radikale Auswahl getroffen werden. Im Museum sollen nur die Besten, die Interessantesten, die Herausragenden gezeigt werden.

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