von Inka Grabowsky, 01.01.2015
Schiltenau ist überall

Die Bühni Wyfelde zeigt in ihrer Winterproduktion einen Schweizer Münchhausen. Ihr „Chlaus Lymbacher“ ist zwar kein Baron, aber ein Loblied auf die Fantasie singt er ebenso wie der legendäre Lügner.
Inka Grabowsky
Gegen Ende des 2. Weltkriegs schrieb der Schwyzer Autor Meinrad Inglin die Politkomödie „Lymbacher“ auf Mundart, doch er fand keinen Verleger. „Das Stück galt wohl als zu frech", sagt Regisseur Jürg Schneckenburger. „Die Politik wird treffend karikiert. Heute erscheint das komisch, damals war es brisant." Erst 1976 war die Uraufführung, fünf Jahre nach dem Tod des Autors. Vor rund 25 Jahren nahm sich dann Thomas Hürlimann des Stoffes an, aktualisierte und straffte ihn. Nun befinden wir uns im kalten Krieg.
Nach dem Ungarnaufstand hat die halbe Welt Angst vor dem Einmarsch der Russen. „Als ich das Stück ausgewählt habe, ging es mir vor allem darum, dass ich hier genau die richtigen Rollen für meine Schauspieler fand", so Jürg Schneckenburger, der als professioneller Theaterpädagoge einer Truppe von Laien zur Seite steht. „Nach der Annektion der Krim und dem Ukraine-Konflikt ist unser 'Lymbacher' leider hochaktuell."

Hängen gebannt an den Lippen des Erzählers (von links): Bernhard Frei, Eva Wechsler, Thomas Götz, Reto Meier, Kurt Lauper. (Bilder: Peter Heider)
Lymbachers Geschichten
Die Furcht vor einer russischen Invasion kommt unserem Helden wieder Willen gut zu pass. Um seine Frau zu besänftigen, die nach einer seiner Sauftouren vor Wut schäumt, erzählt er, er habe von einem Heissluftballon aus ein Vorauskommando der Russen gesehen. Die Geschichte fällt in der kleinen Gemeinde Schiltenau auf fruchtbaren Boden. Auch als Lymbacher zurückrudert und Freunden gegenüber zugibt, geschwindelt zu haben, glaubt niemand sein Dementi. Ganz im Gegenteil, sein Versuch, die Sache wieder unter den Teppich zu kehren, macht ihn nur noch glaubwürdiger.
Aus dem verschuldeten Gastwirt wird der Spitzenkandidat für die Wahl in den Grossen Rat. Der Parteipräsident, der ihn kürt, handelt aus kühler Berechnung. Das Volk würde lieber einen originellen Kandidaten wählen als einen langweiligen Hochqualifizierten, glaubt er. Lymbacher kann noch weniger heraus aus seinem Lügengespinst. Natürlich fliegt ihn die Geschichte nach einiger Zeit um die Ohren.

Das Auto als Lebensmittelpunkt.
Traumhaftes Bühnenbild
Lymbachers geliebtes Auto spielt im Stück eine tragende Rolle. Sein Austin Healey hilft bei der Flucht aus dem Alltag, ist begehrtes Statussymbol und Projektionsfläche für die Träume vieler Figuren. Marta Wechsler, die Präsidentin des Theatervereins und die Produktionsleiterin, fand ein ausgesprochen dekoratives Exemplar. „Und wir haben es tatsächlich geschafft, das Auto auf die Bühne zu bringen", meint sie stolz. Anderes muss die Fantasie der Zuschauer ergänzen.
Eine raffinierte Lichtregie lässt das Publikum Dinge sehen, die nun wirklich keinen Platz im Theaterhaus Thurgau haben. Vor allem aber gelingt es den Schauspielern, aus den Worten Hürlimanns eine eigene Welt zu erschaffen. Allen voran ist Thomas Götz als Lymbacher eine Ideal-Besetzung. Er macht den Säufer, Lügner und säumigen Schuldner sympathisch. Diesem Lymbacher gönnt man, dass er sich immer wieder am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht.

Gruppenbild mit Regisseur: Das Ensemble mit Jürg Schneckenburger.
Bühne mit langer Tradition
Die bühni wyfelde bringt seit über zwanzig Jahren jedes Jahr zu Silvester eine neue Produktion heraus. Im Sommer gibt es zudem eine Freilichtaufführung. Das Ensemble setzt sich aus Laien zusammen, die unter professionellen Bedingungen Theaterspielen wollen.
Für „Lymbacher“ haben Thomas Götz, Yvonne Heuscher, Eva Wechsler, Bernhard Frei, Reto Meier, Heinz Wiederkehr, Benjamin Heutschi und Kurt Lauper seit August geübt. 120 Probestunden seien zusammengekommen, erzählt der Regisseur und Theaterpädagoge Jürg Schneckenburger. „Durch den grossen Aufwand und auch durch unseren künstlerischen Anspruch ist es nicht immer leicht, Schauspieler für eine neue Produktion zu finden“, sagt die Präsidentin des Theatervereins Marta Wechsler. „Wir sind immer offen für Interessenten, die beim nächsten Mal mitmachen wollen.“
***
„Lymbacher“ wird noch bis zum 24. Januar im Theaterhaus in Weinfelden gespielt. Alle Informationen hier:

Von Inka Grabowsky
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