von Inka Grabowsky, 31.03.2017
Schweizer Selbstironie

Im ausverkauftem Bodmanhaus hat Charles Lewinsky am Donnerstagabend gemeinsam mit Judith Stadlin und Michael van Orsouw seine Visionen für eine zukünftige Schweiz vorgetragen. Das Publikum war begeistert.
Von Inka Grabowsky
Die drei Vorleser versetzen das Publikum an einen Festakt zum Gedenken an Charles Lewinsky, wie er vielleicht dereinst einmal abgehalten wird. Beispielhaft für das vielfältige Schaffen des Schriftstellers präsentieren sie seinen Werbeprospekt für das Freilichtmuseum Ballenberg II, den Aufsatz eines seiner Schüler, das Stau-Filmdrehbuch, den Lehrtext zur Politiker-Auftritten, ein Protokoll zu 100 Jahren AHV, ein Tischgespräch und die aus dem Chinesischen rückübersetzte Gebrauchsanweisung für das Taschenmesser. Die Zuhörer mussten sich also mit sieben der 24 schriftlich vorliegenden Zukünfte begnügen – und das taten sie mit Vergnügen.
Autor Charles Lewinsky in Aktion bei der Lesung in Gottlieben. Bild: Inka Grabowsky
Unterhaltende oder ernsthafte Literatur? Mit so einer Einteilung dürfe man Charles Lewinsky nicht kommen, hatte die Programmleiterin des Literaturhauses, Kathrin Zellweger, in ihrer Einführung gewarnt. Am Abend im Bodmanhaus kommt die Frage nicht auf. Natürlich bieten die Drei gute Unterhaltung, aber gleichzeitig bleibt einem das Lachen immer wieder im Halse stecken, weil man in der Übertreibung eine Wirklichkeit erkennt, die überhaupt nicht lustig ist. Lewinskys Mitstreiter, Judith Stadlin und Michael van Orsouw bilden das professionelle Vorleser-Duo „Satz und Pfeffer" und haben von Berufs wegen „keine Angst vor Unterhaltung". Beide haben auch keine Hemmungen, sich lächerlich zu machen. Judith Stadlin als Soundeffekt-Spezialistin im Duett mit sich selbst zu hören, hinterliess bleibende Eindrücke.
Immer noch aktuell
„Schweizen. 24 Zukünfte" ist schon vor vier Jahren erschienen. Manche der Satiren beziehen sich dementsprechend auf Themen, die heute nicht mehr die Schlagzeilen bestimmen. Andere haben an Aktualität noch dazugewonnen. Als Lewinsky den Imageberater gibt, der einem Politiker die mehrsilbigen Fremdworte austreibt, liegt der Gedanke an den restringierten Code von Donald Trump nahe. Die Zukunft, die der Schriftsteller vorhersagt, ist in den USA schon Wirklichkeit geworden. Prinzipiell hat er für seine Geschichten jeweils die Realität extrapoliert: „Ich musste kein Prophet sein, um mir vorzustellen, dass es mit der AHV Ärger geben wird", sagt der Autor nach der Vorstellung. „Ob es aber tatsächlich einmal ein Blocher-Mausoleum gibt, werden wir sehen."
Nächste Veranstaltungen im Bodmanhaus
Samstag, 22. April, 17.30 Uhr Stefan Keller: ‹Bildlegenden. 66 wahre Geschichten›
Donnerstag, 27. April, 20.00 Uhr Dieter Zwicky: ‹Hihi – Mein argentinischer Vater›

Von Inka Grabowsky
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