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von Barbara Camenzind, 13.08.2018

Sommerloch? Geschenkt!

Sommerloch? Geschenkt!
«Ihr schenkt mir Energie, ich euch den Blues.» Marco Marchi begeisterte in der Eisenbeiz. | © Barbara Camenzind

Musik kann zaubern. Der italienische Bluesmusiker Marco Marchi liess am vergangenen Donnerstagabend den Mississippi durch die Eisenbeiz Frauenfeld strömen. Weltklasse-Delta-Sound mitten im Thurgauer Sommerloch. Die Programmgruppe „kultur@beiz“ begeistert mit ihrem entspannten Konzept.


Drinnen oder draussen? Der Jahrhundertsommer passte sich dem Künstler an. Der Abend erinnerte an die feuchtwarmen Mangrovensümpfe, dem Biotop, in dem der Blues einst seine Wiege hatte. Mitten im staubtrockenen Thurgauer Sommer. Marco Marchi brauchte nicht viel, um sein Publikum in eine Zeit zurückzuversetzen, als Alkohol in Teetassen serviert wurde und die Zuhörenden auf Baumwollpacken sassen. Blues, Ragtime, Dixie - so kunstvoll wie die Picks über die Stahlsaiten wirbeln, und die metallisch glänzende Resonator durch die Bottleneck-Slides schönschräg jammert: Alles geht zurück auf ein einfaches, direkt in den Bauch treffendes Schema. Blues ist keine Kopfgeburt, er ist pure Energie. Marchi, der sonst mit seiner Band „Marco Marchi & The Mojo Workers“ unterwegs ist, ist ein Meister dieser Transformation. „You give me the Energy - I give you the Blues“, war seine zentrale Botschaft an sein Publikum. Die Eisenbeiz in der ehemaligen Schraubenfabrik war die passgenaue Kulisse für seine Interpretation der Songs aus den 20ern und 30er Jahren, sowie den eigenen Kompositionen. Gesellschaftskritisch, frech, charmant und abgründig erzählten seine Lieder von Arbeit, Alltagsdramen und dem amerikanischen Präsidenten, der wohl besser durch Mickey Mouse ersetzt werden sollte. Und immer wieder diese schwierige Sache mit dem Herzen. „Ich liebe dich, aber du liebst mich nicht, jetzt bin ich verloren“: Auch für Klassik-Affine kein unbekanntes Thema. 100 Jahre später wäre Robert Schumann wohl Bluesmusiker geworden. Marchis Musik entwickelt eine unglaubliche Sogwirkung. Ist ein Song vorbei, zieht es einem förmlich in die Stimmung des nächsten hinein. Wie der Mississippi mäanderte der Künstler in Frauenfeld durch Klanglandschaften, die einem noch durch die ganze Nacht begleiteten. 

Thurgauer Geheimtipp

Karin Gubler und Thomas Wemmer von der ehrenamtlich arbeitenden Programmgruppe kultur@beiz freuten sich, dass die Anfrage, in der Eisenbeiz zu spielen, von Marco Marchi direkt kam. Ihr Konzept, im Sommer unter den Kastanien das Sommerloch besingen zu lassen und in der kühleren Jahreszeit jeweils am Donnerstag drinnen ein Konzert anzubieten, funktioniert. Es  wird von Künstlern wie Publikum gleichermassen geschätzt. In einer Zeit, in der die Diskussion um den Wert der Kultur - und was sie denn kosten darf - gerne polemisch geführt wird, macht kultur@beiz Musikfans ein grosses Geschenk. Die Gäste können kommen und gehen, die Zeitung lesen, aufmerksam zuhören, in der Eisenbeiz formidabel essen und trinken. Und spendet dann, wie in guten alten Zeiten, etwas in den Kollektentopf für Musik. „Was nüt choscht, isch nüt wert?“ Fehlanzeige. Für Marco Marchi war die Reise in den wilden Osten die Möglichkeit, auf seine neue CD hinzuweisen, die im kommenden September erscheinen wird. Achtung: Seine Musik hat hohen Suchtfaktor. So wie die entspannten Abende bei kultur@beiz auch. Vielen Dank für dieses besondere Engagement an diesem einfach guten Ort.

www.marcomarchi.ch

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