von Inka Grabowsky, 27.07.2026
Wie Kleider Geschichten erzählen

Joachim Steiner ist Kostümbildner und Experte in nonverbaler Kommunikation. Für die See-Burgtheater-Produktion «Anne Bonny» hat der Konstanzer 60 Kostüme entworfen und zum Teil selbst genäht. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Für das See-Burgtheater ist Joachim Steiner eine feste Grösse. Der freie Kostümbildner kennt das Leitungstrio schon gut zwölf Jahre. Giuseppe Spina, Simon Engeli und Rahel Wohlgensinger haben bereits in der Theaterwerkstatt Gleis 5 mit ihm zusammengearbeitet. Ein Jahr vor der Premiere von «Anne Bonny» bekam er die erste Anfrage: «Und weil es zeitlich passte, fing ich an zu denken. Allerdings hatte ich viel zu wenig Ahnung und musste mich erstmal einlesen.»
Er brauchte Angaben von Regisseur Simon Engeli: Wie viele Kostüme braucht es? Wer spielt mit? Liegt der Fokus auf der Befreiung der Frau oder auch auf der politischen Frage, wie die Engländer mit den Kolonien umgegangen sind? Soll es modern sein oder in seiner Zeit spielen?
«Wie entsteht Kunst?», das war die Leitfrage einer Recherche, die wir im Vorfeld der diesjährigen Premiere veröffnetlicht haben. Wer im Thurgau ins Theater geht, erlebt ein Kunstwerk innerhalb von zwei bis drei Stunden. Es ist eine extreme Verdichtung eines langen Schaffensprozesses. Wenn man sich bewusst macht, was Bühnenkünstler und -künstlerinnen an Zeit, Geld und Nerven investiert haben, wächst der Respekt.
Anhand der Aufführung von «Die Legende von Anne Bonny» zwischen dem 9. Juli und dem 4. August im See-Burgtheater zeigen wir, was zusammenspielen muss, damit ein Theaterabend gelingt. Unsere Autorin Inka Grabowsky hat den Produktionsprozess über mehrere Monate begleitet. In einer Serie schildert sie in den kommenden Wochen nun ihre Eindrücke.
Die Serienteile
Die Suche nach dem Thema, Teil 1
Wie erweckt man Puppen zum Leben?, Teil 2
Der richtige Rahmen: So ensteht ein Bühnenbild, Teil 3
Jenseits der Kunst: Die Organisation gehört zum Geschäft, Teil 4
Das Ensemble: Wie findet man die richtigen Schauspieler:innen? (Teil 5)
Kleider erzählen Geschichten: Die Rolle des Kostümbildners (Teil 6)
Diese umfassende Recherche ist nur dank unseres Recherchefonds möglich. Zum 15. Geburtstag von thurgaukultur.ch haben wir im Mai 2024 einen Jubiläums-Recherchefonds initiiert, um bislang unterbelichtete Themen unter die Lupe nehmen zu können. Und unseren Autor:innen für diesen Aufwand auch ein angemessenes Honorar zahlen zu können. Unter dem Titel „15 Jahre, 15 Geschichten“ sollen tief recherchierte Beiträge zu verschiedenen Themenfeldern des Thurgauer Kulturlebens entstehen. Alle Beiträge werden in einem Dossier gebüldet. Der Recherchefonds wird unterstützt von der Stiftung für Medienvielfalt und der Crescere Stiftung Thurgau.
Hier gibt es bei der Aufführung einen Kompromiss: Die Erzählerin spricht aus dem Heute über die Dinge, die damals passiert sind. Sie erscheint quasi zeitlos. «Das ist das Ergebnis einer Diskussion mit der Darstellerin Sabina Deutsch. Man erarbeitet die Rolle gemeinsam.
Und dieser intensive Austausch macht meinen Beruf so besonders.» Das Kostümbild soll den Spielenden unterstützen. «Die Rolle der Erzählerin war zuerst knallbunt und verrückt angelegt, nun – nach der gemeinsamen Entwicklung - ist sie verrückt, aber geheimnisvoll und dunkel.»
Jede Figur erhält ein eigenes Farbkonzept
Jedes Kostüm erzählt einen Subtext. Es gibt ein Farbkonzept für jede Figur. Die Piraten tragen Stoffe ohne Muster, ihre Kleider sind zerrissen und künstlich angeschmuddelt. «Man soll sie optisch riechen können», lacht Joachim, «allerdings werden die Sachen nur alle drei Tage gewaschen. Man kann nicht ausschliessen, dass man sie wirklich riechen kann.»
Zeittypisch waren um 1720 die Textil-Farben vorgegeben: Das einfache Volk trug beige und braun, je höher in der gesellschaftlichen Schicht, desto bunter durfte die Kleidung sein. Und klar: Englische Soldaten trugen rote Uniformen. «Einige Schauspieler habe Doppelrollen. Tamara Kaufmann verkörpert sechs Figuren. Es ist wichtig, dass man an der Farbe ihrer Kleider erkennt, dass sie nun jemand anders ist.»
Die Farbe gibt auf der Bühne auch Stimmung wieder. Die Farbtöne der Auswandererfamilie aus Vater, Mutter und Kind sind aufeinander abstimmt, so dass sich ein harmonisches Bild ergibt. «Am Anfang glauben sie ja noch, dass alles gut kommt.»
Der dunkelgrüne Gehrock und die Weste mit opulentem Muster zeigen den wohlhabenden Anwalt. Das rosafarbene Kleid für die kleine Anne Bonny gibt es in zwei Versionen: einmal makellos, einmal zerrissen - ohne Spitzen-Bluse, mit heraushängendem Unterrock.
Was Kostüme aushalten müssen
Schuhe sind ein spezielles Thema. Moira Albertalli braucht zum Beispiel für ihre akrobatischen Nummern Piratenstiefel, die zum Schnüren sind, nicht etwa zum Hineinschlüpfen. Darin gäbe es zu wenig Halt. «Damit kann man klettern, aber: Sie sind nicht schnell wechselbar.»
Zu bedenken ist auch, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler bei Regen spielen und - anders als das Publikum auf der gedeckten Tribüne – nass werden. «Lederschuhe brauchen auch in unserem belüfteten Kostüm-Fundus-Container Zeit zum Trocknen. Also benötigen wir Paare zum Wechseln.»
Feine Details, die man nicht auf den ersten Blick sieht
«Anfang Mai bekam ich das Stück und habe es dreimal hintereinander gelesen, einmal mit Bleistift für Notizen», erzählt Steiner. Von den Autoren gab es bereits Anweisungen: wer trägt was wann, wieviel Zeit gibt es beim Kostümwechsel zum Umziehen. Das muss man beim Design bedenken.
Moira Albertalli spielt als Betrügerin eine feine Dame: Zwei Knöpfe halten ihr Kostüm zusammen. Steiner erlaubt sich hier Details, die ausser ihm kaum jemand bemerken wird: Das Muster von Rock und Jacke passt nicht ganz zusammen – weil eben mit der «Dame» etwas nicht stimmt. Viel Aufwand für einen auftritt, der lediglich ein paar Minuten dauert.
Der Kostümbildner überlegt auch, wer eine Perücke braucht. «Georg Melich https://georgmelich.de trägt mal langes blondes Haar offen, in der nächsten Szene braucht er einen ordentlichen Zopf – aber der lässt sich nicht so schnell flechten.» Die eigenen Haare auf Zopflänge wachsen zu lassen, ist deshalb schwierig, weil Schauspieler oft mehr als ein Engagement haben.
Wie man mit Kostümen Figuren charakterisieren kann
Steiner geniesst es Darstellerende zu verändern. «Ich bin spezialisiert auf nonverbale Kommunikation, anders als die sprechenden Schauspieler. Wenn ich nicht aufpasse, kann ich das Publikum durch optische Signale in die falsche Richtung lenken. Und ich kann Sympathie und Antipathie schaffen. Bei allem, was ich kreiere, bedenke ich die Aussenwirkung.»
Bei einem selbstgeschriebenen Stück kann sich bis zur Premiere noch etwas ändern. «Deshalb muss ich bei den Kostümproben dabei sein. Hier merken wir, was noch nicht stimmt.» Und man merkt, welchen Belastungen die Kostüme ausgesetzt sind. Wenn Piraten damit über das Schiffsdeck robben, müssen sie stabil sein, sonst halten sie die zwanzig Vorstellungen nicht aus.
Die Akrobatinnen tragen Klettergurte, um sich zu sichern. Steiner muss sicherstellen, dass darunter kein Knopf sitzt, der drücken könnte. Auch das ergibt sich bei den Proben.
Der Kostümbildner näht gerne selbst
Praktisch sind die versteckten Taschen, die der Kostümbildner in jedes Kleidungsstück einnäht. «Es braucht immer mal jemand ein Requisit, das er aus der Jacke hervorziehen muss.» Auf eine Basis aus gekauften Hosen und Hemden kommen die Kostüme, die die Rolle verlangt. Um sie zu fertigen, setzt sich der Bekleidungstechnik-Ingenieur selbst an die Nähmaschine: «Bis ich einer Schneiderin erklärt habe, wie ich es haben will, mache ich es lieber selbst.»
Seine Grossmutter war Schneiderin, das Nähen liegt in der Familie. Natürlich kann man Kostüme auch leihen. Das sprengt aber schnell das Budget. «Und man darf die natürlich nicht zerreissen, bemalen oder verändern. Da ist es besser, selbst zu nähen oder Second-Hand Sachen umzuändern.» Historisch korrekt muss nicht alles sein. Statt eines Lederwamses tut es manchmal auch eine gebrauchte Motorrad-Weste.
Die Aufführungen und die Tickets
Weitere Aufführungen, jeweils 20.30 Uhr an folgenden Tagen:
Juli:
Di 28.7., Mi 29.7., Do 30.7., Fr 31.7.
August:
So 2.8., Mo 3.8., Di 4.8.
Tickets für alle Termine gibt es hier.
Aufführungsdauer: 20.30 – ca. 22.30 Uhr
Die Zuschauertribüne ist gedeckt. Gespielt wird bei jeder Witterung, ausser bei Dauerregen oder Sturm. Die Abendkasse öffnet um 18 Uhr.

Von Inka Grabowsky
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