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von Urs Oskar Keller, 04.07.2025

Coiffeur und filigraner Maler

Coiffeur und filigraner Maler
Johannes Diem am Bahnhof Kreuzlingen. (1996) | © Urs Oskar Keller

Was verbindet Johannes Diem mit Adolf Dietrich? Das Leben im Moment und die Liebe für die Natur, findet unser Autor Urs Oskar Keller.  (Lesedauer: ca. 1 Minute)

Unser Blick sei eingeengt. Was alles gibt es nur auf einem kleinen Fleck Wiese zu entdecken? Wir seien überflutet von Reizen aller Art und kämen nicht mehr zur Ruhe, erzählte mir Johannes Diem auf einer Zugfahrt 1996 von Ermatingen nach Kreuzlingen. Der gepflegt gekleidete Maler mit grau-meliertem Schnauz, Brille und Filzhut mit einem dekorativen Hutband und schicker Umhängetasche, ging unter der Woche zum Mittagessen ins Epa-Kaufhaus-Restaurant am Löwenplatz. 

An Wochenenden fuhr der 72-Jährige Witwer mit seinem Velo oder Moped und Skizzenheften mit Vorliebe in ehemalige Kiesgruben auf dem Seerücken. Er liebte die Flora und Fauna in den Biotopen: Libellen, Schmetterlinge, Vögel, Steine und Pflanzen – er war tief erfüllt von der Natur. Später entstanden an der Staffelei zu Hause in seiner grossen Ermatinger Wohnung von den filigranen Blei- und Farbstiftskizzen beeindruckende Ölbilder.

Ein eher Spätberufener in Sachen Kunst

Johannes besuchte mich auch im Wohnhaus mit Malstube des bedeutenden Malers Adolf Dietrich (1877-1957) an der Seestrasse, das ich betreute und bewohnte. Gemeinsam war ihnen die Achtung vor der Natur und der Kreatur wichtig. 

Tatsächlich knüpfte Diem an die Tradition der Naiven Kunst an. Nach einer Lehre als Herren- und Damencoiffeur in St. Gallen und Winterthur und einem eigenen Salon in Ermatingen (bis 1967) bildete sich Johannes Diem, 1924 in Herisau geboren, sich in Abendkursen an der freien Kunstschule in Zürich bei Ernst Wehrli in den Jahren 1957 bis 1967 weiter – und wagte den Sprung als Kunstmaler – mit Erfolg! 

Seit 1970 hatte er viele erfolgreiche Einzelausstellungen in der Region hinter sich und konnte fast alle seine Bilder verkaufen. An Ausstellungen oder privat. Hoch betagt und von Demenz gezeichnet lebte er in einem Pflegeheim in Berlingen, wo er 2010 verstarb. Das Foto von ihm entstand vor 29 Jahren (1996) auf dem Kreuzlinger Hauptbahnhof. 

Aktuelle Ausstellung im Museum Rosenegg in Kreuzlingen mit Arbeiten von Johannes Diem: «Fürchterlich schöne Welt – Zwei 100-Jährige aus dem Thurgau», 

Die Serie «Augenblicke»

In der Fotokolumnen-Serie «Augenblicke» zeigt Urs Oskar Keller besondere Momente aus seiner Zeit als Foto-Reporter in unserer Region. Zu den Fotografien schreibt er in kurzen Texten auch, wie die Aufnahmen entstanden sind und was sie so besonders macht. Gewissermassen entsteht so eine kleine Geschichte besonderer Foto-Momente aus den vergangenen 50 Jahren. In einem Interview hat er erläutert, wie er die Momente eingefangen hat.

 

Alle weiteren Beiträge der Serie bündeln wir in einem Themendossier. 

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